{"id":411,"date":"2026-05-20T09:48:36","date_gmt":"2026-05-20T07:48:36","guid":{"rendered":"https:\/\/ontheborder.aau.at\/?page_id=411"},"modified":"2026-05-20T09:48:36","modified_gmt":"2026-05-20T07:48:36","slug":"unsichtbare-und-sichtbare-grenzen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ontheborder.aau.at\/?page_id=411","title":{"rendered":"Unsichtbare und Sichtbare Grenzen\u00a0"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-larger-font-size wp-block-paragraph\">Bistrica ob Sotli &amp; Kumrovec\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-primary-color has-background-background-color has-text-color has-background has-normal-font-size\" style=\"text-transform:none\">by Antonia Prill<\/h1>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-background-background-color has-background has-small-font-size\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-group alignwide\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist Freitag, 16:00 Uhr, und ich beobachte vom R\u00fccksitz des Auto aus, wie Autos die Schengen-Au\u00dfengrenze von Slowenien nach Kroatien und von Kroatien nach Slowenien \u00fcberqueren. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das Thema rund um Schengen und die EU im Mittelpunkt meiner Forschung stehen w\u00fcrden. Zuvor hatte ich den ganzen Tag das slowenische Dorf Bistrica ob Sotli zu Fu\u00df erkundet und mich auf \u00e4u\u00dfere Details, wie Infrastruktur, Verkehrsanbindung und die Dynamik der Bewohner konzentriert. Ich f\u00fchlte mich wohl im Dorf, als ich durch die Hauptstra\u00dfe schlenderte. Au\u00dfer zwei Restaurants, einem Caf\u00e9, einem Supermarkt und einer Bushaltestelle gab es nicht viel. Die Stra\u00dfen wirkten leer, die Caf\u00e9s leicht gef\u00fcllt, ab und zu fuhr ein Auto vorbei. Die Natur wirkte auf mich ruhig und idyllisch, der Ort klein und kompakt, die verlassenen H\u00e4user lie\u00dfen Bistrica hinter sich, fielen aber nicht aus dem Bild. F\u00fcr mich passte hier alles gut zusammen, ruhig, abgeschieden, nicht ganz modern, nicht so viele Leute, unspektakul\u00e4r, so wie man sich eben ein kleines Dorf auf dem Land vorstellt. Ich f\u00fchlte mich wie in einem der abgelegenen Orte in \u00d6sterreich. Im Supermarkt fand ich haupts\u00e4chlich Lebensmittel aus Slowenien vor. Ich stellte mich der Dame an der Wursttheke auf Englisch vor, erkl\u00e4rte meine Absichten als Studentin, um ein paar Fragen stellen zu k\u00f6nnen, die mir bei meinem Thema weiterhelfen w\u00fcrden und bekam eine Antwort, auf Deutsch zur\u00fcck. Ich fand heraus, dass sich die Slowenisch sprechenden Bewohner:innen von Bistrica mit dem benachbarten kroatischen Ort Kumrovec \u00fcber den gleichen Dialekt verst\u00e4ndigen, der sich aus beiden Sprachen entwickelt hat. Die Mehrsprachigkeit scheint also in Bistrica zum Alltag zu geh\u00f6ren. Auf meine Frage, ob viele Leute aus Kumrovec hier einkaufen w\u00fcrden, antwortete die Dame auf Deutsch: \u201eNein warum? In Kroatien ist alles billiger.\u201c Und auf die Frage, ob sie dann selbst oft nach Kroatien zum Einkaufen fahre, antwortete sie: \u201eNein, ich kaufe alles hier, was soll ich da? Ich habe alles, was ich brauche, hier.\u201c Dieser Widerspruch machte mich nachdenklich. Ich merkte, dass ich mit meinen Fragen auf eine ablehnende Haltung gesto\u00dfen war und bohrte nicht weiter nach. Das Gespr\u00e4ch endete mit einem leicht mulmigen Gef\u00fchl. Die Aussagen standen sich gegen\u00fcber. Was steckte dahinter, dass die Dame nicht kurz \u00fcber die Grenze fuhr? Die Mitarbeiterin im slowenischen Supermarkt wei\u00df zwar, dass es in Kroatien billiger ist, nimmt aber nicht den 1 km langen Weg auf sich, um ihre Lebensmittel f\u00fcr weniger Geld einzukaufen. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass es daf\u00fcr eine Erkl\u00e4rung geben m\u00fcsse, die man aber nicht so einfach zwischen T\u00fcr und Angel erkl\u00e4ren oder ansprechen k\u00f6nne. Das Verh\u00e4ltnis zwischen den beiden D\u00f6rfern war wohl komplizierter als es schien, und ich stie\u00df auf die ersten unsichtbaren Barrieren, die die physische Grenze hier mit sich bringt. Von nun an wusste ich, dass ich f\u00fcr meine Forschung genauer zuh\u00f6ren, \u201ezwischen den Zeilen lesen\u201c, andere Fragen stellen musste, dass das Thema sensibel und pers\u00f6nlich war, und dass es f\u00fcr mich als Au\u00dfenstehende schwierig werden k\u00f6nnte, an Informationen zu kommen. Vielleicht war es kein offenes Thema und ich hatte einen Nerv getroffen? Die Sprache verband zwar die beiden D\u00f6rfer miteinander, aber es gab wohl auch vieles, was sie voneinander trennte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die unmittelbare N\u00e4he zur kroatischen Grenze habe dazu gef\u00fchrt, so erz\u00e4hlte es mir der B\u00fcrgermeister von Bistrica, dass sich aus dem Kroatischen und dem Slowenischen ein Dialekt entwickelt habe. Mittlerweile dient er vor allem \u00e4lteren Menschen zur Verst\u00e4ndigung. Auch Serbokroatisch wird in Slowenien vor allem noch von \u00e4lteren Menschen gesprochen. In Kroatien hingegen wird Slowenisch nur noch selten verstanden. Den J\u00fcngeren sei der gemeinsame Dialekt nicht mehr vertraut, da sich mit der Grenze nach dem Zerfall Jugoslawiens auch die Beziehungen \u00fcber die Grenze hinweg ver\u00e4ndert h\u00e4tten und es weniger Ber\u00fchrungspunkte gebe. Mit der politischen Grenze habe sich auch eine soziale, gesellschaftliche Grenze etabliert. Dem Sozialanthropologen Fredrik Barth zufolge sind diese Grenzen, die nicht nat\u00fcrlich vorgegeben sind, gesellschaftlich und flexibel. Die Abgrenzung nach au\u00dfen formt die Einheit nach innen und damit die Identit\u00e4t (Barth 1969); die kulturelle Identit\u00e4t einer Gruppe orientiert sich an der Art und Weise ihrer Grenzziehung. Wie sieht das in Bistrica ob Sotli aus?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den B\u00fcrgermeister des Dorfes z\u00e4hlt der allt\u00e4gliche Austausch mit Familie, Nachbar:innen und Freunden. Im Gegensatz dazu steht der Zaun, der seit 2015 die kroatische von der slowenischen Seite trennt und die Landschaft zerschneidet. Vieles habe sich dadurch ver\u00e4ndert, erz\u00e4hlt er uns. Allein die Optik des Zaunes st\u00f6re ihn, er erinnere ihn an Z\u00e4une aus dem Zweiten Weltkrieg. F\u00fcr ihn ist er ein Symbol f\u00fcr die Trennung oder Teilung zweier Gruppen; er steht f\u00fcr einen kontrollierten Grenz\u00fcbertritt und die milit\u00e4rische Sicherung bestimmter Gebiete. An diesem Punkt wurde mir klar, dass allein die Existenz und die Bedeutung des Zaunes einen gro\u00dfen Teil zur Trennung der beiden D\u00f6rfer beitrugen. Der Zaun machte auf die Trennung aufmerksam und erinnerte t\u00e4glich daran. Die Bahnverbindung war abgeschafft worden, und die Menschen brauchten nun ein Auto, um schnell \u00fcber die Grenze zu kommen. Anders als noch zu Zeiten Jugoslawiens war die Grenze nicht mehr unsichtbar und durchl\u00e4ssig nun wurde entschieden, wer ein- und ausreisen durfte und wer nicht. Der B\u00fcrgermeister erz\u00e4hlte weiter: \u201eJetzt muss man immer seinen Pass dabeihaben, um auf die andere Seite zu kommen, das war fr\u00fcher nicht so; man konnte sich frei bewegen, doch heute trennt die beiden Orte eine Grenze.\u201c Man habe nun auf beiden Seiten eine andere W\u00e4hrung, die Preise seien unterschiedlich, der Lebensstandard habe sich unabh\u00e4ngig voneinander entwickelt.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies wirkt sich auch auf Freundschaften und das Landschaftsbild aus. Im Gegensatz zu fr\u00fcher fahren viele nicht mehr zu Freunden \u00fcber die Grenze. Denn dort, wo fr\u00fcher mal alles so war wie hier, wird st\u00e4ndig daran erinnert, dass die beiden Seiten nicht mehr zusammengeh\u00f6ren oder in manchen F\u00e4llen nie zusammengeh\u00f6rt haben. Der B\u00fcrgermeister will das \u00e4ndern, und diese Barriere \u00fcberwinden. Er selbst, so sagt er, habe viele alte Freunde in Kumrovec, und er w\u00fcnsche sich, mit dem Nachbarort in gutem Kontakt zu stehen, gemeinsame Projekte zu f\u00f6rdern und ein gutes Miteinander zu pflegen. Als Beispiel nennt er das j\u00e4hrliche Musikfest am 1. Mai, zu dem die Bewohner:innen beider Orte ganz ohne Grenzkontrollen kommen k\u00f6nnen. Er tr\u00e4umt von gemeinsamen Gemeindefesten, einer Kooperation der Schulen auf beiden Seiten, er w\u00fcnscht sich, die Apfelernte gemeinsam zu feiern oder auch mit Kumrovec \u00fcber den regionalen Wein ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Mit dem B\u00fcrgermeister von Kumrovec pflege er engen Kontakt, betont er. Das Leben des B\u00fcrgermeisters von Bistrica ist von seinen Erfahrungen aus Jugoslawien gepr\u00e4gt und seine h\u00e4ufig nostalgischen Erz\u00e4hlungen drehen sich vor allem um die sch\u00f6nen Seiten, von denen er heute noch schw\u00e4rmen kann. Die junge postjugoslawische Generation kann diese Erfahrungen aufgrund der Grenze heute nicht mehr machen. Die politischen Ver\u00e4nderungen wirken sich auf das Soziale aus, auf die Sprache, den Dialekt, aber auch auf Freundschaften und die Identit\u00e4t, wie mir der B\u00fcrgermeister und ein junger Kollege erz\u00e4hlen. Die Sprache wird nicht mehr im gleichen Ma\u00dfe \u00fcber die Grenze hinweg geteilt, und dazu kommt, dass viele junge Leute wegziehen und die M\u00f6glichkeit nutzen, woanders zu studieren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob das die Bewohner:innen auf der anderen Seite der Grenze auch so sehen, wollte ich in den Gespr\u00e4chen, die ich \u00fcber die Tage in dem kroatischen Dorf f\u00fchrte, genauer wissen. Es war Freitag, 16 Uhr, und ich beobachtete immer noch, wie Autos mit kroatischen Kennzeichen die Grenze von Slowenien in Richtung Kumrovec \u00fcberqueren. Ich notierte alles in meinem kleinen Notizbuch und \u00fcberquerte selbst die Grenze mit dem Auto. Kurz stand ich im Stau, der Grenzschutz wirkte entspannt. Es wurde gelacht und man kannte sich, das merkte ich daran, wie sich der Fahrer sich aus dem Autofenster lehnte und mit den Beamten scherzte. F\u00fcr einen Moment verga\u00df ich, dass dies eine Grenze war, aber die Passkontrolle erinnerte mich wieder daran, dass ich nun das Land verlie\u00df. Es dauerte ca. 5 Minuten, bis sich die W\u00e4hrung von Euro auf Kuna \u00e4nderte und ich mich auf kroatischem Gebiet wiederfand. Ich passierte die Passkontrolle und fuhr nach Kumrovec. In Kumrovec angekommen, stieg ich aus dem Auto und machte mich auf die Suche nach dem Zentrum. Die Stra\u00dfen waren leer, ab und zu kam mir eine \u00e4ltere Dame oder ein \u00e4lterer Herr entgegen. Ich blieb vor einem vermeintlichen Museum stehen und bemerkte, dass dies wohl der Hauptplatz sein musste. Ich war ein wenig verwirrt. Dies sollte das gr\u00f6\u00dfte Freilichtmuseum Kroatiens sein? Am Eingang merkte ich davon nichts, ich hatte den Eindruck, dass in den schmucken Bauernh\u00e4usern tats\u00e4chlich Menschen leben k\u00f6nnten. Mir fiel ein Caf\u00e9\/Restaurant auf, in dem Leute sa\u00dfen und sich unterhielten. Erst im Souvenirshop wurde mir bewusst, dass ich hier an der Kasse ein Eintrittsticket kaufen musste, wenn ich weiter ins Museumsdorf gehen wollte.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Museum hatte zwei thematische Schwerpunkte: Zum einen besch\u00e4ftigte es sich mit Josip Broz Tito: unter anderem wurde sein Geburtshaus erhalten und zug\u00e4nglich gemacht. Zum anderen wurden den Besucher:innen original erhaltene Bauernh\u00f6fe, H\u00e4user, Wohnungen, Gegenst\u00e4nde und Br\u00e4uche gezeigt. Um mehr \u00fcber diesen Ort zu erfahren, nahm ich an einer F\u00fchrung teil und hoffte, jemanden zu treffen, mit dem ich \u00fcber mein Grenzthema sprechen konnte. In Kumrovec fiel es mir deutlich schwerer als in Bistrica, mich auf Englisch zu unterhalten. Die meisten Leute, die ich im Ort ansprach, w\u00fcrgten meine Fragen mit \u201eno English\u201c ab. Aber dann fanden sich zum Gl\u00fcck doch noch Einige, die sich mit mir unterhalten wollten. Eine Dame mittleren Alters erz\u00e4hlte mir an der Tankstelle beil\u00e4ufig, dass es zum selbstverst\u00e4ndlichen Alltag geh\u00f6re, beim Grenz\u00fcbertritt beide W\u00e4hrungen dabei zu haben. Viele pendelten beruflich zwischen Kroatien und Slowenien. Ich fragte sie, ob sie immer Euros zu Hause herumliegen habe und ob sie immer ihren Pass dabei habe, aber sie zuckte mit den Schultern und erkl\u00e4rte mir, dass sie nicht oft \u00fcber die Grenze fahre. Ich bem\u00fchte mich, weitere Antworten auf meine Fragen zu bekommen und h\u00e4tte fast \u00fcbersehen, dass ich zwar durchaus Antworten bekam, aber nicht die, die ich mir erwartet hatte. Ich hatte auf Geschichten und Anekdoten gehofft, die das Thema rund um die Grenze ausleuchteten, aber mein Nachhaken hatte bis jetzt nicht zum Ziel gef\u00fchrt. Ich hatte unbewusst erwartet, dass Grenzerfahrungen ein offenes Gespr\u00e4chsthema w\u00e4ren und musste feststellte, dass es dies in Kumrovec nicht der Fall war. Entweder wollten die Leute nicht mit mir \u00fcber ihre Grenzerfahrungen sprechen. Oder waren sie einfach ein selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Alltags, der einfach dazugeh\u00f6rt und nicht hinterfragt wird? Vielleicht lag es auch an mir und meinen Fragen, begann ich zu zweifeln. Ich nahm mir vor, meine Fragen bei der n\u00e4chsten Begegnung anders und deutlicher zu formulieren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umgebung von Kumrovec, nur wenig Schritte vom Hauptplatz entfernt, erschien mir ungew\u00f6hnlich verlassen. Ich schlenderte durch den Ort und setzte mich auf eine der vielen leeren Parkb\u00e4nke. Insgesamt z\u00e4hlte ich mehr als 25 Parkb\u00e4nke, eine erstaunlich gro\u00dfe Zahl f\u00fcr diesen kleinen Ort. Auch Stra\u00dfenlaternen gibt es hier en masse. Ein \u00fcbergro\u00dfer Spielplatz und die zu einer angedeuteten Allee gepflanzten B\u00e4ume, gaben Kumrovec den Anschein von Weite. Gleichzeitig wirkte der Ort zugleich auf mich noch verlassener, als es der Hauptplatz vorhin ohnehin schon tat. F\u00fcr mich war der Stimmungswechsel von einem Ort zum anderen noch nicht ganz mit dem Grenz\u00fcbertritt verbunden. Auch in Kumrovec fand ich in Gespr\u00e4chen heraus, dass hier, wie auch in Bistrica, die \u00e4ltere Generation mit Jugoslawienerfahrung die Grenze weniger streng wahrnahm, Freundschaften \u00fcber die Grenze pflegte, sich durch den gleichen Dialekt verstand und zur Arbeit nach Slowenien pendelten. F\u00fcr diese Generation schien sich durch die Grenze nicht viel ver\u00e4ndert zu haben. Auch ich hatte den Eindruck, dass man hier am Alten festhalten wollte. Ich erinnerte mich an die verlassene Gegend rund um Kumrovec und an die Architektur. In Gespr\u00e4chen wirkte es auf mich immer noch so, dass dies ein Thema war, \u00fcber das man in Kumrovec nicht unbedingt reden musste \u2013 zumindest nicht mit mir. Meistens endete das Gespr\u00e4ch an dem Punkt, an dem mir erkl\u00e4rt wurde, dass er oder sie nicht nach Slowenien fahren w\u00fcrde. Viele Autos mit kroatischen Kennzeichen kamen aus der Richtung der Grenze. Das m\u00fcssen all die Menschen sein, die \u00fcber die Grenze zur Arbeit fahren, dachte ich. Der Ort f\u00fcllte sich ein wenig. Endlich fand ich jemanden, der bereit war, mit mir \u00fcber das Leben an der Grenze zu sprechen. Der Mann, Mitte 30, ist vor einigen Jahren nach Kumrovec gezogen, um dort eine Apotheke zu er\u00f6ffnen. Er erz\u00e4hlte mir, dass die L\u00f6hne in Kumrovec sehr niedrig seien und die Menschen in \u00e4rmeren Verh\u00e4ltnissen lebten als ein paar Meter weiter in Bistrica. Ich wollte wissen, woran er das festmacht, und er sagte: \u201eViele Leute aus Slowenien, aus Bistrica achten weniger nach dem Preis. Sie achten mehr auf die Qualit\u00e4t und ich sehe, dass es ihnen besser geht\u201c. Das sei auch der Grund, warum ich mehr kroatische Autos aus Slowenien kommen sehe als umgekehrt. Die H\u00e4lfte der Bewohner:innen pendle nach Slowenien, weil dort die besseren Jobs seien, und sie erf\u00fchren die Grenze als eine t\u00e4gliche Normalit\u00e4t. Manche Lebensmittel, wie Mehl, seien in Kroatien oft billiger als in Slowenien, und so k\u00e4men die Bewohner:innen von Bistrica gerne nach Kumrovec, um einkaufen zu gehen. Dies stellt die \u00f6konomische Grenze dar, die mit der physischen Grenze entstanden ist. Jetzt gibt es zus\u00e4tzliche unsichtbare Barrieren (b\u00fcrokratische, kulturelle\u2026), die daran erinnern, dass man nicht mehr den gleichen Bedingungen ausgesetzt ist. Die Menschen in Kumrovec hoffen jedoch, dass der Beitritt zum Schengen-Raum und die Umstellung zum Euro den Lebensstandard langfristig verbessern w\u00fcrden, weil damit die Grenzkontrollen zu anderen Schengen-L\u00e4ndern wegfallen und eine bessere Zusammenarbeiten gew\u00e4hrleistet werde.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet die Grenze im Leben der Bewohner:innen von Bistrica und Kumrovec? Diese Frage kann ich nicht abschlie\u00dfend beantworten. Die Grenze im Alltag wird individuell erlebt, erfahren und wahrgenommen. Wie im Buch \u201cThe Border Multiple\u201c von Marie Sandberg, Dorte Jagetic Andersen und Martin Klatt beschreiben, kann Grenze, wie es auch beim Beispiel des B\u00fcrgermeisters von Bistrica der Fall war \u201eKommunikation\u201c oder \u201eAustausch\u201c bedeuten. Oder sie kann, wie bei manchen Gespr\u00e4chspartner: innen aus den D\u00f6rfern, die Bedeutung als \u201eEnde der Welt\u201c annehmen. F\u00fcr andere wiederum, stellt die Grenze einen Sehnsuchtsort dar, der mit Erinnerungen, Freundschaften und Heimat verbunden ist. Die Wahrnehmung und die Auswirkungen der Grenze auf den Alltag, die Art und Weise, wie die Grenze gelebt wird, sind unterschiedlich. Die gemeinsame Geschichte verbindet beide Orte auf vielf\u00e4ltige Weise durch geteilte Erinnerungen, Traditionen, Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Kunst, Natur und Grenzen, auf die verschiedenste Art und Weise miteinander. Auch wenn die physische Grenze die offensichtliche Trennung zwischen den beiden D\u00f6rfern zeigt, existieren unsichtbare Grenzen, die das Leben in einer Grenzregion ebenso beeinflussen und gleichzeitig die Gesellschaften, die sie umfassen oder trennen, pr\u00e4gen. Ganz besonders deutlich wird dies an den gemeinsamen Erfahrungen der jeweiligen Altersgruppen, deren Leben, aber auch deren Verh\u00e4ltnis zur jeweils anderen Seite, bis heute massiv durch die Grenze bzw. durch die fr\u00fchere Nichtexistenz der Grenze gepr\u00e4gt ist. Ebenso wird durch die ein- und ausschlie\u00dfende Funktion der Grenze sichtbar, wie sich in Bistrica ob Sotli und in Kumrovec Abgrenzung durch Zugeh\u00f6rigkeit und Nichtzugeh\u00f6rigkeit verfestigt, und wie die trennende Grenze eine Spannung zwischen beiden Seiten generiert, die ohne sie gar nicht vorhanden w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bistrica ob Sotli &amp; Kumrovec\u00a0 by Antonia Prill Es ist Freitag, 16:00 Uhr, und ich beobachte vom R\u00fccksitz des Auto aus, wie Autos die Schengen-Au\u00dfengrenze von Slowenien nach Kroatien und von Kroatien nach Slowenien \u00fcberqueren. 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