ON THE BORDER

Kulturanalytische Betrachtungen von Grenzregionen

Impressionen aus drei Studienprojekten der Angewandten Kulturwissenschaft

By Alexandra Schwell

Herzlich Willkommen! Auf diesen Seiten stellen sich drei Lehrforschungsprojekte der Studiengänge der Angewandten Kulturwissenschaft an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt vor. In verschiedenen Seminaren haben wir uns aufgemacht, um unterschiedliche Grenzen zu untersuchen: die slowenisch-italienische, die slowenisch-kroatische und die slowenisch-österreichisch-ungarische Grenze. Wir waren nicht allein unterwegs, sondern stets unter der kundigen Leitung von Dr. Miha Kozorog vom Institut für Ethnologie und Kulturanthropologie der Universität Ljubljana.

Dabei ging es uns nicht allein um die politischen Grenzen zwischen den Ländern, die „Linien im Sand“, sondern um Grenzziehungsprozesse verschiedenster Art: die Grenzen, denen wir auf der Spur waren, sind nicht allein Ländergrenzen, sondern zugleich Wohlstands-, Sprach-, Systemgrenzen, Grenzen, die auf historische Prozesse und Ereignisse verweisen, Grenzen innerhalb von und zwischen Städten, Grenzen im ländlichen Bereich, ihre Auswirkungen auf nicht-menschliche Akteure sowie Mensch-Tier-Beziehungen oder ihre Repräsentation im musealen Kontext. Die Texte von Studierenden auf diesen Seiten zeugen von der großen Bandbreite unserer Erkundungen.

Denn jede Grenze ist anders, jede erzählt eine Geschichte. Und nicht jede Grenze ist auch als solche erkennbar. Wer an Grenzen denkt, dem kommen höchst unterschiedliche Bilder in den Sinn: von Zäunen, Flüssen, Kontrollen und Warnschildern. Dies kommt nicht von ungefähr, denn unsere kollektive Vorstellung von Grenzen ist nationalstaatlich geprägt. Diese Grenzen sind die metaphorischen und vielbesungenen „Lines in the Sand“, deren Macht und Persistenz regelrecht übernatürlich erscheinen (Parker/Vaughan-Williams 2009: 582). Grenzen sind auf eine schwer fassbare Weise ehrfurchtgebietend; dabei sind sie allein auf menschliche Handlungen zurückzuführen – bei keiner Grenze hat eine höhere Macht hat ihre Finger im Spiel.

So wie Linien im Sand mit der nächsten Welle weggewaschen werden können und lediglich die Erinnerung zurücklassen, so sind auch die massivsten Grenzen nicht für die Ewigkeit errichtet, sondern immer potenziell auf Zeit angelegt; auch die dauerhaftesten unter ihnen unterliegen Veränderungen. Sie werden mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen, ändern Materialität und Erscheinungsbild und machen selbst dann noch einen Eindruck, wenn sie bereits lange verschwunden sind.

Grenzen hinterlassen und sind zugleich selbst Spuren des Vergangenen. Grenzen als Spuren zu begreifen, bedeutet, eine zeitliche Dimension zur räumlichen hinzuzuziehen. Als „Traces“ verweisen sie auf ein größeres Gewesenes. Diese Bedeutung erlangen sie aber erst in der Gegenwart; hier werden sie durch Geschichten zur Geschichte. Storytelling, Mythen und Narrationen interpretieren Grenzen in zeitlicher Perspektive und verändern sie zugleich. Als „Tidemarks“ – Flut- oder Gezeitenmarken – weisen sie nicht allein in die Vergangenheit, sondern projizieren vor diesem Hintergrund eine Zukunft: sie verweisen auf Möglichkeitshorizonte oder erinnern an das, was bereits war, jedoch so oder anders wiederkehren könnte (Green 2009, 2019).

Die Sozialanthropologin Sarah Green argumentiert mit Verweis auf Derridas Konzept der Arche-Spur, dass Grenzen Spuren von Entitäten enthielten, die nie existiert hätten. Eine dieser Entitäten sei das Konzept der Nation (Green 2019: 77). Damit ist selbstredend nicht gemeint, dass Nationen nicht existierten; als „vorgestellte Gemeinschaften“ (Anderson 1998) erweisen sie sich weiterhin als außerordentlich langlebig. Vielmehr verweist Green hier auf ein zentrales Muster des Nation-Buildings: In der Argumentation von Nationalisten müssen Nationen schon immer da gewesen sein. Nationen wird eine ewige Existenz zugeschrieben und, so das Argument, der Nationalstaat gieße sie nun in eine längst überfällige territoriale und rechtlich verfasste Form. Grenzen zwischen Nationen – denn ohne Differenz wäre das Konzept nutzlos – realisieren in dieser Vorstellung eine angeblich schon immer existiert habende Ordnung und legitimieren Machtansprüche und Homogenisierungsbestrebungen in der Gegenwart. Aus kulturanthropologischer Sicht verweisen dagegen Grenzen und Bordering-Prozesse auf die historische Kontingenz der Entstehung von Wirklichkeit.

Grenzen machen Arbeit, ob sie nun verbinden oder trennen. Grenzschutz, Grenzbefestigung und Grenzkontrolle und ihre Repräsentation durch Infrastrukturen oder auch Museen sind nur die augenfälligsten staatlichen Maßnahmen. Auch die Aufrechterhaltung der sozialen Grenze bedeutet Arbeit: Die „Bewachung“ ethnischer und sprachlicher Boundaries steht dem bewaffneten Grenzschutz in puncto Effektivität kaum etwas nach. Und so zeigte schon Fredrik Barth (1969) in seinem Klassiker „Ethnic Groups and Boundaries“: Ohne Grenzen keine ethnische Identität! Dass eine Grenze auch zur wirksamen Trennlinie wird, passiert nicht von heute auf morgen. Bis sich die völkerrechtliche Linie empirisch als wirkmächtig erweist, kann viel Zeit vergehen. Gewohnheiten und mentale Geographien ändern sich, und auch die Natur passt sich an. Territoriale Grenzen sind zwar spezielle Sicherheitszonen, manchmal sogar No-Go-Areas für Menschen, aber genau dieser Umstand sorgt dafür, dass sie Flora und Fauna Raum bieten.

Für uns Menschen schlagen Grenzanlagen wie der Eiserne Vorhang eine unnatürliche Schneise durch Wald und Flur in einer ansonsten harmonischen Landschaft. Eine solche Sichtweise übersieht, dass „Landschaften im Allgemeinen Ergebnisse einer unbeabsichtigten Gestaltung sind, das heißt, aus den sich überlagernden welterzeugenden Tätigkeiten zahlreicher menschlicher wie nichtmenschlicher Akteure entstehen“ (Tsing 2018: 129). Daran anschließend sind Grenzen und Grenzräume „Disruptions“, Störungen, in Tsings Sinne, die Transformationen initiieren und wiederum in einer langen Reihe von Störungen stehen, also eine Geschichte haben.

Aus menschlicher Perspektive mag gewaltsam eine Wunde in die Natur geschlagen worden sein, die sich nun nach dem Ende des Eisernen Vorhangs schließt. Aber wie so häufig ist es eher eine Frage der Perspektive: Statt von „Heilung“ und einer Rückkehr zur Normalität zu sprechen, lohnt es sich, den Blick darauf zu richten, wie unterschiedlichste Akteure auf diese „Störung“ reagieren: Tierische und pflanzliche Waldbewohner, wie Wildschweine, Rehe, Bäume und Sträucher, haben sich an die menschengemachten Veränderungen angepasst und gestalten den Lebensraum Wald auf ihre ganz eigene Weise (Kozorog 2019).

Und so zeigen sich uns Grenzen als zutiefst ambivalent. Sie verbinden und trennen, sie eröffnen Lebensräume und töten. Um es mit Spandau Ballet zu sagen: „It’s a terrible beauty we’ve made“ (1986).

Bibliographie

Anderson, Benedict (1998): Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Berlin: Ullstein.

Barth, Fredrik (1969): Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Culture Difference. Bergen; London: Allen & Unwin.

Green, Sarah (2009): Lines, Traces and Tidemarks: reflections on forms of borderli-ness. EastBordNet. COST Action IS0803 Working Paper 1.

Green, Sarah (2019): Lines, Traces, and Tidemarks: Further Reflections on Forms of the Border. In: Demetriou, Olga/Dimova, Rozita (Hg.): The political materialities of borders: New theoretical directions. Manchester: Manchester University Press, 67–83.

Kozorog, Miha (2019): „They Feed Here and Live There“: Borderwork with Wildlife in Slovenia’s North-East Corner. In: Traditiones, 48 (1), 191–211. DOI: 10.3986/Traditio2019480108

Parker, Noel/Vaughan-Williams (2009): Lines in the Sand? Towards an Agenda for Critical Border Studies. In: Geopolitics 14 (3), 582–587. DOI: 10.1080/14650040903081297

Spandau Ballet (1986): Through the Barricades. In: Through the Barricades. CBS.

Tsing, Anna Lowenhaupt (2018): Der Pilz am Ende der Welt: Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz Berlin.