Zwischen Nationalhelden und Massengräbern   

Über die erinnerungskulturellen Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg in Bistrica ob Sotli   

by Christian Frühwirth

Einleitung  

Sich mit Denkmälern in einer ethnografischen Feldforschung zu beschäftigen, wirkt im ersten Moment vielleicht etwas abwegig. Während eines Interviews geben sie keine Antworten, sie legen kein dokumentationswürdiges Verhalten an den Tag, und sie verfolgen auch keine alltäglichen Routinen, wodurch sie während einer Beobachtung auf den ersten Blick ganz und gar statisch und leblos erscheinen.  

Und dennoch erweisen sich Denkmäler als vielseitige und gewinnbringende Quelle für die Ethnografie. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie drei verschiedene Zeitebenen in sich vereinen (Erll 2017: 151). Denkmäler werden von spezifischen Akteurinnen und Akteuren in deren Gegenwart errichtet, um die Erinnerung an vergangene Ereignisse für zukünftige Generationen zu bewahren und diese öffentlich zur Schau zu stellen. Gleichzeitig sind Denkmäler damit auch Teil jenes Konstruktionsprozesses, in dessen Zuge bestimmte Ereignisse aus der Vergangenheit extrahiert und zusammengesetzt werden und dessen Endprodukt gemeinhin als Geschichte bezeichnet wird. Als Objekte können Denkmäler schließlich mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen werden. Menschen interagieren mit ihnen. Sie werden gepflegt, beschmiert oder schlichtweg vernachlässigt.  

Es sind Überlegungen wie diese, die mich dazu bewogen haben, mich auf unserer Forschungsreise und im folgenden Essay mit den erinnerungskulturellen Dimensionen von Denkmälern zum Zweiten Weltkrieg in Bistrica ob Sotli zu beschäftigen. Mich interessierte vor allem, welche historischen Ereignisse sich in der materiellen Erinnerungskultur des Ortes niederschlagen, welche Institutionen an diese erinnern möchten, welches Geschichtsbild mit den Denkmälern vermittelt werden soll und wie die Menschen mit ihnen interagieren. Um diesen Fragen nachzugehen, möchte ich nun die Lesenden dazu einladen, mich auf meinem Beobachtungsspaziergang durch Bistrica ob Sotli zu begleiten.  

Auf Denkmalsuche – ein Beobachtungsspaziergang durch Bistrica ob Sotli   

Es ist Samstag, der 12. November 2022. Als wir unseren Spaziergang um 10 Uhr vormittags beginnen und unsere Herberge, das Hostel Gabronka, verlassen, hat sich der herbstliche Morgennebel nahezu gänzlich gelichtet und die Sonne kommt zum Vorschein. Weit müssen wir von dort aus nicht gehen, um das erste Erinnerungsmonument im Ort zu erblicken. Bereits nach wenigen Schritten erreichen wir das Rathaus von Bistrica ob Sotli. Umgeben von einer gepflegten Buchsbaumhecke befindet sich, auf einem eigens dafür angelegten Vorplatz, eine kleine graue Steintafel mit goldener Inschrift, die etwas angeschrägt auf einem Stein auf dem Boden aufgestellt wurde. Davor hat jemand Blumen gepflanzt und zwei Grabkerzen aufgestellt. Zusammen mit einer gemauerten Steinsäule, die von einem fünfzackigen roten Stern gekrönt wird, bildet diese Tafel vor dem Rathaus ein Erinnerungsensemble an einem besonders repräsentativen Ort.

Die Gedenktafel ist in zwei Abschnitte unterteilt, wobei über allem, mittig an der Oberkante, ein goldener, fünfzackiger Stern wacht. Die obere Hälfte erinnert an die PADLI BORCI, zu Deutsch: gefallenen Kämpfer, die in den Kampfhandlungen mit den nationalsozialistischen Besatzern und deren Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs gestorben sind. Wer sind diese Kämpfer? 

Das Deutsche Reich hatte am 06. April 1941 Jugoslawien überfallen und bereits am 17. April 1941 dessen Kapitulation erzwungen. Der Angriff erfolgte unter dem Vorwand, dass die dort lebende deutsche Minderheit in Gefahr sei. Während das mit Deutschland verbündete Italien mit der Einrichtung der Provincia di Lubiana vor allem das Zentrum des heutigen Staates Slowenien mit der Hauptstadt Ljubljana erhielt, sicherte sich Deutschland die Oberkrain, den Norden der Unterkrain und die gesamte Untersteiermark (Bahovec 2001: 453f). Dort begannen die Besatzer binnen weniger Tage nach dem Überfall mit der Errichtung einer nationalsozialistischen Zivilverwaltung, die unter der Führung des Gauleiters der Steiermark, Dr. Sigfried Uiberreither, stand. Möglich war eine derart schnelle Ausführung vor allem deshalb, weil die Vorbereitung zur Invasion bereits ein Jahr zuvor durch das Gaugrenzlandamt und das Südostdeutsche Institut in Graz getroffen wurden (Mavrič-Žižek/ Rajšp 2015: 653ff). 

Wie es der Rassentheoretiker und SS-Obersturmbannführer Prof. Dr. Bruno K. Schultz im Bericht des Umsiedlungsstabes Untersteiermark über die Volks- und Rassenverhältnisse der Untersteiermark vom 10. September 1941 darstellt, nahmen die zuständigen Kommissionen nahezu zeitgleich bereits die Arbeit an der Germanisierung der Untersteiermark auf. Nach Adolf Hitlers bekanntem Befehl „Machen Sie mir dieses Land wieder deutsch!“ wurde die Bevölkerung der Untersteiermark nach rassischen Kriterien eingeordnet und entsprechend ihrer körperlichen Merkmale und politischer Gesinnung in vier Wertungsgruppen aufgeteilt (Ferenc T. 1980: Nr. 127, S. 247–261). Nachdem diese Einteilung durchgeführt wurde, begannen die Behörden mit der massenhaften Aussiedlung, die in drei Wellen durchgeführt wurde. Die slowenische Intelligenz wurde bereits kurz nach der Kapitulation deportiert oder verhaftet. Zudem wurden alsbald auch alle slowenischen Vereine der Untersteiermark aufgelöst, die slowenischen Bibliotheken geschlossen, die Verwendung der deutschen Sprache forciert und das Slowenische bis 1942 in nahezu allen Lebensbereichen verboten (Mavrič-Žižek/ Rajšp 2015: 660ff. sowie 672). 

Die rigorose Abarbeitung der nationalsozialistischen Rassenpolitik, die drückenden Germanisierungsmaßnahmen und die massenhaften Vertreibungen führten in der besetzten Untersteiermark noch im Jahr 1941 zur Formierung von anfangs noch unabhängig agierenden Widerstandsgruppen, die versuchten, gegen die Besatzungsmacht und ihre Verbündeten anzukämpfen. Bereits im September 1941 kam es dann zur Integration der verschiedenen slowenischen Partisanengruppen in die jugoslawische Volksbefreiungsarmee unter dem Kommando von Josip Broz Tito. Wenngleich die Widerstandsbewegung anfänglich einige Erfolge erzielen konnte, musste sie regional auch herbe Niederlagen hinnehmen. Eine solche ereignete sich beispielsweise im Herbst 1941, als das sogenannte Steiermark-Bataillon erfolglos versuchte, Brežice, eine der größten Städte der Region um Bistrica ob Sotli, zu erobern. In den folgenden Jahren kam es regelmäßig zu Gebietseroberungen durch Partisanentruppen und Rückeroberungen durch die Besatzer, die häufig mit hohen Verlusten und Repressionen verbunden waren. Darauf nimmt der untere Teil der Gedenktafel vor dem Rathaus von Bistrica Bezug, wenn zusätzlich zu den Gefallenen noch sechs weitere ŽRTVE FAŠIZMA, also Opfer des Faschismus, erwähnt werden.  

Wann dieses Denkmal errichtet wurde und wer es gestiftet hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Ein ausdrücklicher Vermerk existiert nicht. Die verwendete Symbolik legt allerdings nahe, dass es noch während der jugoslawischen Ära aufgestellt wurde. Der repräsentative Aufstellungsort lässt ebenfalls vermuten, dass es sich um ein staatliches Denkmal handelt. Gleichzeitig reicht dieses Denkmal, durch die Nennung von Verstorbenen, tief in die individuelle oder familiäre Ebene der Erinnerung hinein. Bezogen auf die unterschiedlichen Erinnerungsebenen bemerkt Aleida Assmann, dass das öffentliche Gedächtnis staatlicher Gebilde eng mit der Existenz des jeweiligen Staates verbunden ist. Wenn dieser aufhört zu existieren verschwindet auch die öffentliche Erinnerung daran relativ rasch. Auf der familiären Ebene hingegen bleibe Erinnerung zumindest so lange bestehen, bis niemand aus der Familie mehr einen Zugang zu den jeweiligen Ereignissen und Menschen hat. Die Gedenktafel vor dem Rathaus liegt also an der Schnittstelle zweier Erinnerungsebenen und profitiert allem Anschein nach davon. Denn auch wenn das politische System, unter dem die Tafel scheinbar errichtet wurde, nicht mehr existiert, wird sie weiterhin gepflegt. 

Verlassen wir nun den Vorplatz des Rathauses und machen uns auf in Richtung der Hauptstraße. Entlang dieser Straße befinden sich weitere Einrichtungen des dörflichen Lebens wie die Schule, der Supermarkt, das Gasthaus und das Kulturzentrum – letzteres ist unser nächstes Ziel. Bei unserem Eintreffen genießen gerade einige Männer die vormittägliche warme Herbstsonne und nehmen auf der Terrasse des nahegelegenen Gasthauses Šempeter einen Kaffee oder ein Glas Weißwein zu sich. Anders als wir würdigen sie die kleine graue Steintafel mit der goldenen Inschrift und dem mit Grünspan befallenen Metalltäfelchen an der Fassade des angrenzenden Kulturhauses keines Blickes. Der Kranz unter der Tafel ist vertrocknet, die Farben der panslawischen Schleife sind verblichen. Allein die Goldfarbe hat nichts von ihrem Glanz verloren. 

Gewidmet ist dieses Denkmal Ivan Skvarća Modras, der als National- bzw. Volksheld vorgestellt wird. Er soll an dieser Stelle in der Nacht vom 20.12.1943 im Kampf gegen die Besatzer gefallen sein:

V NOĆI NA 20. XII. 1943 / JE OB PARTIZANSKEM / NAPADU NA TUKA JŠNJO / OKUPATORJEVO / POSTOJANKO PADEL / NARODNI HEROJ / IVAN SKVARĆA MODRAS.

Was ist der Hintergrund? Trotz der zuvor erwähnten Rückeroberungen der deutschen Besatzer gelang es der Widerstandsbewegung seit 1943 langsam die Oberhand im Kampf um die slowenischen Gebiete zu gewinnen. Das Erstarken der slowenischen Partisanenbewegung spiegelt sich beispielsweise in der Tatsache wider, dass der Reichsführer-SS Heinrich Himmler die gesamte Untersteiermark am 21. Juni 1943 zum Bandenkampfgebiet ernannte (Ferenc T. 1980: Nr. 312, S. 614). 

Wie die Gedenktafel berichtet, war ab Ende des Jahres 1943 auch Bistrica ob Sotli zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Partisanen und Besatzern geworden. Aus einem Bericht Über die Sicherheitslage im Ansiedlungsgebiet A der Untersteiermark des SS-Obergruppenführers und Generals der Polizei Ulrich Greifelt vom 21. September 1944 lässt sich schließen, dass die Besatzer seit dem Frühjahr vor allem die Dörfer entlang der kroatischen Grenze als gefährdet ansahen und befürchteten, diese zu verlieren. Diese Annahme hat sich in den folgenden Monaten auch bestätigt. Laut Greifelt waren sowohl Bistrica als auch der Nachbarort Kunšperk, zum Zeitpunkt seines Berichts, schon vom restlichen Besatzungsgebiet abgeschnitten (Ferenc T. 1980: Nr. 321, S. 642–646). In den kommenden Monaten entglitt den Besatzern vollkommen die Kontrolle über die besetzten Gebiete im heutigen Slowenien und sie mussten sich bis Kriegsende sukzessive an die österreichische Grenze zurückziehen (Mavrič-Žižek/ Rajšp 2015: 682ff).   

Kommen wir nun aber zurück zum Denkmal. Erneut lassen sich hier weder Stifterinstitution noch Anbringungsdatum finden. Allein die Konturen des kommunistischen Sterns an der Oberkante der Tafel, in dessen Mitte sich Hammer und Sichel kreuzen, lassen ebenfalls auf eine Aufstellung durch den jugoslawischen Staat schließen. Im Gegensatz zum ersten Beispiel scheint die Gedenktafel für den „Nationalhelden“ Ivan Skvarća Modras allerdings ihre Bedeutung weitestgehend verloren zu haben, da sie offensichtlich nicht mehr beachtet wird. 

Leicht bergab führt uns unser Spaziergang nun weiter der Hauptstraße entlang. Wir passieren das erwähnte Gasthaus, vor dessen Eingang die Statue eines Kapauns auf einer Stele ruht, ehe sich rechterhand der Blick auf die Pfarrkirche St. Peter eröffnet. Umgeben von einer Steinmauer steht sie am Abhang des Hügels und überblickt die darunterliegende Ebene. Bereits von weitem lässt sich direkt am Hauptzugang zum Kirchengelände erneut ein Denkmal erkennen. Es besteht aus einer dunkelgrauen Steinplatte, die an einem größeren Felsen angebracht wurde. An der Oberkante dieser Tafel sind vier Schwalben im Flug abgebildet. Darunter wurde folgende Inschrift in den Stein gemeißelt:   

DOMOVINA, / JOKALI SMO ZA TEBOJ / V ČASU II SVETOVNE VOJNE JE BILA / V DNEH 21. DO 24. NOVEMBRA 1941 / IZ ŽUPNIKE SV. PETER POD SV. GORAMI / PREGNANA VEČINA NJENIH / PREBIVALCEV. NA OPUSTOŠENE /  DOMOVE SMO SE VRNILI PO KONCU / VOJNE L. 1945 MNOGI PA NIKOLI VEČ… / V SPOMIN NA TEŽKE DNI POSTAVILO / DRUŠTVO IZGNANCEV SLOVENIJE / KO BISTRICA OB SOTLI / NOVEMBRA 2002 

Der Text der Gedenktafel berichtet von Aussiedlungen in Bistrica ob Sotli, die von 21. bis 24. November 1941 stattfanden. Die Tafel bezieht sich somit auf die Auswirkungen der zuvor erwähnten völkischen Politik der nationalsozialistischen Besatzungsmacht. Worum geht es genau? Während der dritten Aussiedelungswelle, die zwischen dem 24. Oktober 1941 und dem 30. Juli 1942 durchgeführt wurde, verloren über 30.000 Sloweninnen und Slowenen ihren Wohnsitz im sogenannten Rann-Dreieck, am Zusammenfluss der Flüsse Sotla und Save (Karner 2005: 112). Gemäß den Richtlinien und Anweisungen des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums zur Aussiedlung von Slowenen und Ansiedlung von Deutschen in der Untersteiermark vom18. April 1941 hatten die Zuständigen die gesamte Bevölkerung entlang der Sotla auszusiedeln, selbst jene Menschen, die grundsätzlich nach den Rassenkriterien der Besatzungsmacht als Siedler bleiben hätten können (Ferenc T. 1980: Nr. 23, S. 60–63). Das freigewordene Land sollte nämlich unter anderem von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Gottschee besiedelt werden, die zuvor mehrheitlich für die sogenannte ‚Heimholung ins Reich‘ optiert hatten, nachdem ihr ehemaliger Siedlungsraum zum italienischen Besatzungsgebiet erklärt worden war (Suppan 2002: 400–409). Wie aus einem weiteren Schreiben Heinrich Himmlers vom 01. November 1941 hervorgeht, war auch Bistrica ob Sotli zum Siedlungsraum für die Gottscheer bestimmt worden (Ferenc T. 1980: Nr. 169, S. 335–337). 

Mit der Društvo izgnancev Slovenije, zu Deutsch: der Gesellschaft slowenischer Exilanten, lässt sich hier nun erstmals ein Verein als Aufsteller hinter diesem Denkmal finden. Damit ist die Gedenktafel Teil einer gruppenspezifischen Erinnerung und dient hier im speziellen dem traumatischen Opfergedächtnis (Assmann 2014: 74–81). Die Tafel zielt darauf ab, die Erinnerung an das kollektiv erlebte Trauma der Aussiedelung am Leben zu halten. Der frische Blumenschmuck vor der Tafel zeugt davon, dass sie ihre Aufgabe nach wie vor erfüllt.  

Wir verlassen nun das Kirchengelände und machen uns auf zu unserer letzten Station. Dafür nehmen wir den Steig auf der rechten Seite, der uns vorbei an Wohnhäusern einmal um den Hügel herum und wieder hinunter zur Hauptstraße führt. Nachdem wir diese gequert haben, können wir unser Ziel in einiger Entfernung bereits sehen: den Friedhof von Bistrica ob Sotli.

Als wir ankommen, herrscht reger Betrieb. Blumen werden gegossen, ausgebrannte Kerzen werden durch neue ersetzt, und das bisschen Unkraut, das zu dieser Jahreszeit noch vorhanden ist, wird ausgerissen. Lebhaft spricht ein älterer Mann zu seinen Enkelkindern und deutet dabei auf drei zusammenhängende Steintafeln, die an der Friedhofsmauer vor der Leichenhalle angebracht sind. Vor ihnen steht eine Vielzahl von Kerzen und Blumen, die von der besonderen Bedeutung dieses Monuments für die Menschen in Bistrica zeugen. Politische Symbole oder Hinweise auf eine Stifterinstitution fehlen hier gänzlich, weshalb dieses Denkmal wohl vor allem der individuellen Erinnerungsebene dienen soll. Die Tafeln wurden in SPOMIN UMRLIM V / IZGNASTVU 1941 – 1945, also in Erinnerung an die Verstorbenen im Exil aufgestellt. Zu lesen sind dort die Namen von 88 Personen, die während der Deportationen ums Leben kamen. Wohin genau all jene Menschen durch die Nationalsozialisten verfrachtet wurden, bleibt unklar. Die Forschung geht davon aus, dass die Menschen aus der Untersteiermark vornehmlich in den deutschsprachigen Teil des Reichs deportiert wurden. 

Halten wir an diesem Punkt/Ort kurz inne. Bis hierher haben wir vier Denkmäler vorgefunden, die uns Auskunft über die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs in und um Bistrica ob Solti geben und dabei verschiedene Erinnerungsebenen ansprechen. Allesamt erinnern sie an die menschenverachtende Rassenpolitik der nationalsozialistischen Besatzungsmacht und den Befreiungskampf der slowenischen bzw. jugoslawischen Partisanen und Partisaninnen. Somit spiegeln sich in den Denkmälern wichtige Elemente des nationalslowenische Geschichtsnarrativs wider, welches gerade von der Zeit der Besatzung und des Widerstands stark geprägt ist (Zebec 2016: 115–123). Es sind vor allem solche, in jeglicher Hinsicht gegensätzlichen Ereignisse, wie der unrechtmäßige Überfall Deutschlands im April 1941 und der darauffolgende jahrelange heroische Widerstandskampf, die laut Assmann häufig die Grundlage nationaler Geschichtserzählung und Erinnerungskultur bilden. Dabei gilt es aber stets zu bedenken, dass der grundsätzliche Charakter solcher Narrative selektiv ist. Passende Geschehnisse werden ausgewählt und zu einer stimmigen Erzählung zusammengestellt, während Unpassendes außenvorgelassen wird (Assmann 2014: 36–42; 62–70).  

Nach unserer kurzen Denkpause schlendern wir noch gemütlich über den Friedhof und lassen unseren Blick schweifen. Nach einer Weile erkennen wir etwas abseits, in einer der Ecken des Geländes, eine weitere Tafel, die an der Friedhofsmauer befestigt ist. Sie hebt sich von den anderen Grabsteinen ab und zieht daher unsere Aufmerksamkeit auf sich. Als wir auf die Tafel zugehen, merken wir, dass es sich dabei ebenfalls um ein Denkmal handelt. Auch dieses besteht aus einer schlichten grauen Steinplatte. Eine Handvoll Kerzen und frischer Blumenschmuck zeugen auch hier von einer lebendigen Erinnerung. Bei genauerem Hinsehen stellen wir etwas verwundert fest, dass sich auf der Tafel der kroatische Wappenschild befindet. Zudem ist dort folgender Text zu lesen: 

NADOMAK NAM DRAGE / DOMAJE, SUZE TEK GORKE PAŠE, / DOK OKURUTNA RUKA BEZ DUŠE, / SKONČA, ŽIVOTE NAŠE. / MOLITE ZA NAS I OPROST, / NAŠIH I NJIHOVIH GRIJEHA. STVORITE SVIJET BEZ MRŽNJE; PUN / SVJETLA I RADOSNOG SMIJEHA. / U SPOMEN NA NEDUŽNE ŽRTVE PORAČA / ZAROBLJENE HRV VOJNIKI I CIVILE IZ / KOLONA KRIŽNOG PUTA. KOJI SU / TIJEKOM 5.16. MJ 1945 G. POGUBLJENI NA / PODRUČJU MJESTA SV. PETAR POD SV. / GORAMI. / HRVATSKI DOMOBRAN / 2008  

Das Denkmal berichtet davon, dass im Mai 1945, nach dem offiziellen Kriegsende, kroatische Soldaten und Zivilisten in Bistrica ob Sotli ermordet wurden. Doch wie war es dazu gekommen?  Wie bereits erwähnt, führte die deutsche Besatzungspolitik in der Untersteiermark schon früh zur Formierung von Widerstandsbewegungen. Doch nicht alle Teile der Bevölkerung schlossen sich diesen an oder kooperierten mit ihnen. Stattdessen bildeten sich auch Gruppen wie die sogenannten Domobranzen, bzw. Heimwehren, oder die Ustaša, die mit den deutschen Besatzern in militärischer und politischer Hinsicht kollaborierten. Weiters arbeiteten noch bestimmte zivile Bevölkerungsgruppen mit der deutschen Besatzungsmacht zusammen, darunter vor allem jene, die sich nicht mit der kommunistischen Volksbefreiungsbewegung identifizieren konnten oder sich als sogenannte Volksdeutsche fühlten. Nach dem Abzug der deutschen Truppen und der Übernahme der ehemals besetzten Regionen durch die jugoslawische Volksbefreiungsarmee bekamen zurückgebliebene oder gefangengenommene Kollaborateure die Rache der Sieger zu spüren. Während politischer Säuberungsaktionen wurden Tausende inhaftiert und in Straflager gebracht, aus ihrer Heimat vertrieben oder als Vergeltungsmaßnahme, häufig ohne Prozess, hingerichtet und in Massengräbern verscharrt (Bahovec 2001: 462–468). 

Laut Mitja Ferenc, dem führenden Forscher auf dem Gebiet der Massengräber in Slowenien, wurden zwar seit 2006 bereits zahlreiche dieser anonymen Begräbnisstätten archäologisch erschlossen, doch warten noch viele weitere bekannte wie unbekannte Massengräber darauf, gefunden und erforscht zu werden. Zu diesen zählen auch jene, die sich in und um Bistrica ob Sotli befinden. Eines davon liegt beispielsweise auf dem heutigen Schulgelände. Zwar hatte man das Massengrab bereits im Jahr 1978 bei den Bauarbeiten für das neue Schulgebäude entdeckt, geborgen oder ordentlich begraben wurden die Gebeine der Ermordeten zu dieser Zeit allerdings noch nicht (Ferenc M. 2022: 668; 680).  

Bis zur Aufstellung dieser Gedenktafel am Friedhof im Jahr 2008 sollten also noch weitere 30 Jahre vergehen. Bis zum Zusammenbruch Jugoslawiens war die Staatsführung darum bemüht, die Thematik so gut es ging aus der Öffentlichkeit fernzuhalten, da sie nicht ins politische Geschichtsnarrativ passte (Zebec 2016: 8–24). Als Nazi-Kollaborateure wurden die kroatischen Ustaša und die Domobranzen als feindliche Kräfte angesehen. Daran habe sich auch im heutigen slowenischen Geschichtsbild nicht viel geändert. Die Rolle der Kollaborateure ist allerdings immer wieder Gegenstand politischer wie gesellschaftlicher Debatten (Zebec 2016: 177–250).  

Anders als in Slowenien gehört der Widerstand gegen die kommunistische Volksbefreiungsarmee in Kroatien seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens durchaus zum nationalkroatischen Geschichtsbild (Zebec 2016: 134–140). Somit verwundert es auch nicht, wenn an der Unterkante der Gedenktafel keine slowenische Institution, sondern die Hrvatski Domobran, eine Nachfolgeorganisation der kroatischen Heimwehr, als Stifter genannt wird. Auch hierbei handelt es sich also um ein Denkmal, das der Erinnerung einer bestimmten Gruppe zuzuordnen ist und gleichzeitig Teil eines spezifischen politischen Gedächtnisses ist. Diese Erzählung bricht allerdings nicht nur mit dem im Ort vorherrschenden Verständnis dieser Epoche. Vielmehr versucht das Denkmal auch, das etablierte Täter-Opfer-Verhältnis umzukehren, indem es auf die Verbrechen des jugoslawischen Staates nach Kriegsende hinweist. Dass sich solche Widersprüche überhaupt erst im selben Raum manifestieren können, ist wohl auf die veränderten politischen Begebenheiten der letzten Jahrzehnte zurückzuführen. Das Wegbrechen des alten politischen Systems, dessen Gedächtnis und Geschichtserzählung zunehmend verschwinden, ermöglicht es neuen und alternativen Narrativen, die Lücken im Erinnerungsraum zu füllen. Mit teils radikalen Brüchen versuchen Akteure wie die Hrvatski Domobran ihre eigene Geschichte kreieren, die sie anhand von erinnerungskulturellen Denkmälern nach Außen transportieren.  

Ähnliches hat bereits Božidar Jezernik am Beispiel der slowenischen Hauptstadt Ljubljana gezeigt. Erinnerungskulturelle Monumente würden, Jezernik zufolge, stets nur in einem spezifischen Kontext für eine bestimmte Gruppe von Bedeutung sein. Kommt es nun zu einem politischen oder gesellschaftlichen Wandel könne dies auch Einfluss auf die Erinnerungskultur haben; alte Monumente werden beispielsweise obsolet oder abgerissen. In diesem Zuge würden auch andere Akteursgruppen versuchen den öffentlichen Erinnerungsraum für sich zu reklamieren und mit Hilfe neuer Denkmäler ihre eigene Geschichte zur Schau zu stellen. Die Erinnerung an historische Ereignisse erscheint somit genauso variabel wie die Frage, welche Geschehnisse überhaupt erst erinnert werden sollten. Nach Jezernik sind Denkmäler, genauso wie die ihnen zugrundeliegenden Geschichtsnarrative, ständig den Böen eines politischen wie gesellschaftlichen Wind of Change ausgesetzt. 

Fazit 

Noch während wir das Denkmal für die kroatischen Opfer aufmerksam betrachten, hören wir den mittäglichen Glockenschlag der Pfarrkirche. Er weist uns darauf hin, dass es an der Zeit ist, den Friedhof zu verlassen und den Rückweg zum Hostel anzutreten. Der nächste Programmpunkt steht bereits auf dem Plan, während wir noch versuchen, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und unsere Gedanken zu sortieren.  

Auf unserem Beobachtungsspaziergang durch das kleine Grenzdorf Bistrica ob Sotli haben wir nicht nur fünf verschiedene Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg und deren Erzählungen entdeckt. Vielmehr haben wir auch festgestellt, dass einerseits verschiedene Gruppen mit Hilfe dieser Denkmäler versuchen, denselben Raum für sich und ihre Version der Geschichte zu beanspruchen. Das Auftreten widersprüchlicher historischer Narrative im öffentlichen Raum kann dabei als Ausdruck aktueller politischer Entwicklungen und spezifischer Geschichtsverständnisse begriffen werden, an deren Zusammenfluss kollektive Erinnerungsdenkmäler stehen. Andererseits haben wir erkannt, dass die Erinnerung auf unterschiedlichen Ebenen stattfindet. Diese können wiederum Einfluss darauf nehmen, welche Bedeutung die jeweiligen Denkmäler zu einem bestimmten Zeitpunkt für die Menschen haben.  

Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und die zahlreichen, oftmals unscheinbaren, Denkmäler genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie verweisen nicht nur auf Vergangenes, sondern auch auf gegenwärtige gesellschaftliche Debatten, widerstreitende Narrative, geschichtspolitische Entwicklungen und letztendlich auch auf die verschiedenen Ebenen der Erinnerung.  

Literaturverzeichnis  

Assmann, Aleida (2014): Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. 2. Auflage. München.  

Bahovec, Tina (2001): Der Zweite Weltkrieg im Alpen-Adria-Raum. In: Moritsch, Andreas (Hrsg.), Alpen-Adria. Zur Geschichte einer Region. Klagenfurt/ Laibach/ Wien. S. 453–469.  

Erll, Astrid (2017): Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart.  

Ferenc, Mitja (2022): Prikrivena grobišta Hrvata u Sloveniji – 30 godina nakon demokratskih promjena. Problemi i rezultati istraživanja. In: Časopis za suvremenu povijest, Vol. 3, S. 655–687.  

Ferenc, Tone (1980): Quellen zur nationalsozialistischen Entnationalisierungspolitik in Slowenien 1941 – 1945. Maribor. 

Jezernik, Božidar (1998): Monuments in the Winds of Change. In: International Journal of urban and regional Research, Vol.22/4, S. 582–588. 

Karner, Stefan (2005): Oberkrain und Untersteiermark 1941-1945. Zur NS-Okkupationspolitik in Slowenien. In: Ders./ Stergar, Janez (Hrsg.): Kärnten und Slowenien – “Dickicht und Pfade” (=Kärnten und die nationale Frage, Bd. 5). Klagenfurt/ Laibach/ Wien.  

Mavrič-Žižek, Irena/ Rajšp, Vincenc (2015): Die Besetzung der Untersteiermark. In: Ableitinger, Alfred (Hrsg.), Bundesland und Reichsgau. Demokratie, „Ständestaat“ und NS-Herrschaft in der Steiermark 1918 bis 1945 (=Geschichte der Steiermark, Bd. 9/1). Wien/ Köln/ Weimar. S. 653–686.  

Suppan, Arnold (2002): Untersteirer, Gottscheer und Laibacher als deutsche Minderheit zwischen Adria, Karawanken und Mur (1918-1948). In: Ders. (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Zwischen Adria und Karawanken. Berlin. S. 350–422. 

Zebec, Davor (2016): Die Massentötungen nach Kriegsende 1945 auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz. Ein Vergleich der kroatischen und slowenischen Historiografie. München. (Diss.).  

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gedenktafel der Gefallenen und Opfer des Faschismus vor dem Rathaus in Bistrica ob Sotli. Fotographie © Christian Frühwirth. 2022.

Abbildung 2: Denkmal für den „Nationalhelden“ Ivan Skvarća Modras an der Fassade des Kulturni Dom in Bistrica ob Sotli. Fotographie © Christian Frühwirth. 2022.

Abbildung 3: Denkmal der Verschleppten vor der Kirche in Bistrica ob Sotli. Fotographie © Christian Frühwirth. 2022.

Abbildung 4: Gedenktafel für die Verstorbenen im Exil am Friedhof in Bistrica ob Sotli. Fotographie © Christian Frühwirth. 2022.

Abbildung 5: Gedenktafel für die kroatischen Opfer am Friedhof in Bistrica ob Sotli. Fotographie © Christian Frühwirth. 2022.