Eine ungewöhnliche Musikszene an einem scheinbar gewöhnlichen Ort.
by Maja Heimerl
Bistrica ob Sotli ist ein Dorf im Osten Sloweniens mit knapp 1.400 Einwohnern. Auf den ersten Blick wirkt Bistrica sehr gewöhnlich und idyllisch. Es gibt zwei kleine Läden, eine Kirche, eine Schule und zwei Gaststätten. Wann immer ich durch das Dorf spazierte, fühlte ich mich sehr wohl und heimisch, eben wie in einem kleinen Ort am Land in Bayern, wo ich herkomme. Typischerweise haben Orte wie dieser meistens verschiedene kleine Vereine, wie zum Beispiel eine freiwillige Feuerwehr, eine Blaskapelle und evtl. noch einen Gesangsverein. Was man jedoch ganz bestimmt nicht erwarten würde, sind ein Musikclub oder eine Diskothek – vor allem keine, die in das Dorfleben integriert ist oder sogar von den Dorfbewohner:innen selbst organisiert wird. Doch genau das ist es, was Bistrica in meinen Augen so besonders macht: der Klub Metulj, auf Deutsch „Schmetterlingsclub“.
Ein slowenisches Dorf an der Grenze zu Kroatien würde man sich in der Regel anders vorstellen als Bistrica ob Sotli. Ich hatte vor unserer Reise angenommen, dass Bistrica ein kleines, eher verlassenes Dorf sei, das nur wenig kulturelle Angebote aufweise. Vor allem hatte ich keine lebhafte Musikszene erwartet. Des Weiteren ist es häufig in Orten am Land (und auch in der Stadt) oft der Fall, dass der ältere und jüngere Teil der Bevölkerung unterschiedliche Interessen im Bezug auf die Dorfgestaltung verfolgen, welche meist miteinander unvereinbar sind oder sogar zu Konflikten führen. Aber auch das ist in Bistrica nicht der Fall. Die Website des Klub Metulj vermittelt den Eindruck, der Club sei eine Mischung von Jugendzentrum, wo auch Projekte mit und für Jugendliche durchgeführt werden, und einem Club für junge Menschen, in dem immer wieder mal kleinere Bands und DJs aus der Region auftreten. Eine weitere Vorannahme meinerseits war, dass der Club sicherlich nur wenig Zuspruch vom Rest der Bevölkerung Bistricas bekommen würde, geschweige denn vom Bürgermeister des Ortes. Bereits im Rahmen meines ersten Interviews , mit dem Bürgermeister wurde jedoch klar, dass mein Bild des Clubs aber auch des Dorfes verzerrt war.
Anschließend möchte ich nun in diesem Text die Bedeutung des Clubs Metulj und der Musik im weiteren Sinne für das Dorf Bistrica ob Sotli ergründen. Ich werde dafür kurz auf die Geschichte des Clubs und die Lokalpolitik eingehen und anschließend die Organisation und die Projekte des Clubs sowie die Zusammenarbeit im Dorf näher beleuchten.
Lokalpolitik
Der Bürgermeister, ein offen und freundlich wirkender älterer Mann aus der sozialdemokratischen Partei Sloweniens, war nicht, wie ich erwartet hatte, dem Club gegenüber kritisch eingestellt, sondern vielmehr sehr positiv. Er erschien mir sehr stolz auf den Musikclub und die Zusammenarbeit der Dorfbewohner:innen zu sein. Er erzählte mir, dass Musik generell eine große Bedeutung im Dorf habe und dies schon seit langem der Fall ist. So habe Bistrica zum Beispiel eine kulturelle und musikalische Beziehung zu einem Ort am Bodensee in Deutschland. Die Blaskapellen und Chöre der beiden Orte besuchten sich regelmäßig gegenseitig. Vor allem aber lobte der Bürgermeister die Unterstützung und musikalische Förderung der Jugendlichen durch den Club und die daran Beteiligten, da er fand, dass der Ort damit an Attraktivität für junge Menschen gewinnen würde. Das Interesse des Bürgermeisters ist nicht nur musikalischer Natur, sondern es zeigt sich deutlich, dass er den Jugendclub und dessen Engagement, gerade auch mit Blick auf das gute Bild des Ortes, welches dadurch bestärkt wird, sehr schätzt. Hier wird der Kontrast deutlich, zwischen der Blaskapelle und dem Chor, welche man in einem kleinen Dorf erwarten würde und dem Jugend- und Musikclub, welcher eher ungewöhnlich für einen solchen Ort ist. Der Jugendclub bietet zudem Kulturaktivitäten für jung und alt an.
Geschichte und Hintergrund
Die Geschichte des Klub Metulj geht weit zurück. Im Jahr 2022 feierte der Klub sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert, der Raum selbst wurde allerdings schon zu Zeiten Jugoslawiens als eine Art geheimer Untergrundclub und Treffpunkt für junge Leute genutzt. Mittlerweile ist der Club eine offizielle Location, die regelmäßig von den Bewohner:innen Bistricas, aber auch von Besucher:innen aus anderen Gemeinden besucht wird, um dort an Konzerten, Projekten und Kulturveranstaltungen teilzunehmen. Zudem steht der Klub Metulj eben nicht nur für einen Raum, in dem Musik gespielt wird, sondern ist auch ein eingetragener Jugendverein, wo junge Menschen musikalisch gebildet und grundsätzlich unterstützt und ihre kulturellen Interessen mit verschiedenen Projekten gefördert werden.
Bei meinen Gesprächen in Bistrica fällt mir immer wieder auf, wie bedeutend Musik und Zusammenarbeit sowie Vernetzung sind. Die Politik unterstützt die Jugendkultur und die Musikszene abseits von traditionellen Musikvereinen. Musikclub und Jugendverein werden von denselben Menschen organisiert, geleitet und unterstützt, und die Jugend sowie die älteren Bewohner:innen Bistricas koexistieren und unterstützen gegenseitige Interessen.
Wie und warum können solche Strukturen und das Nebeneinander von Alt und Jung, von Traditionell und Modern, funktionieren? Ein entscheidender Punkt sind hier die Träger dieser Strukturen, die es ermöglichen, dass das kulturelle Angebot vorhanden ist, aufeinander abgestimmt ist und möglichst viele Personengruppen anspricht. Bistrica ist besonders, weil einzelne Menschen eine Vision hatten und sich dafür eingesetzt haben, sie auf eine Weise umzusetzen, so dass alle etwas davon haben und niemand sich gestört fühlt. Angefangen hat diese Vision mit dem Ziel, das Dorf musikalisch zu beleben, und das in einem kleinen, dunklen Raum im Keller, ein paar unbekannten Music Acts und wenigen Besucher:innen, die jedoch das Angebot zu schätzen wussten und auch bereit waren, dafür zu zahlen. Heute haben sich nicht nur das Konzept des Clubs, sondern auch die Liveacts und die Besucherzahlen geändert.
Der Klub Metulj selbst ist, ähnlich wie der Rest des Ortes, nicht so, wie man sich einen Club vielleicht vorstellen würde. Clubs in Städten aber auch in ländlicheren Gegenden sind meistens große, moderne Räume mit aufwendiger Beleuchtung, Garderobe, Raucherbereich und einem abgetrennten Bereich mit Bühne bzw. DJ-Pult. Der Klub Metulj dagegen befindet sich in einem Keller, den man auf der Hinterseite eines großen Gebäudes im Zentrum des Dorfes betritt. Unten angelangt findet man einen dunklen kleinen Raum mit Bar vor, dessen Wände mit bunten Graffiti besprüht sind, und der durch einzelne bunte Scheinwerfer gerade ausreichend beleuchtet wird. Inmitten des Raumes spielte zu unserem Besuchszeitpunkt eine Improvisations-Band, während Männer und vereinzelt Frauen mittleren Alters im Raum verteilt stehen, rauchen und Bier trinken. Nebenan befanden sich die Toiletten und ein Raum, der gleichzeitig als eine Art Schlaf,- Wohn-, und Esszimmer diente.. Die Frage, die sich jedoch unweigerlich stellt, war, wo denn nun die Jugendlichen waren? Schließlich handelt es sich doch um einen Jugendklub. Oder?
Organisation des Klubs
Einer der Verantwortlichen von Club und Jugendorganisation erzählte mir, dass sich die Jugend und die ältere Generation abwechselnd in den Räumlichkeiten aufhielten und sich den Club teilten. Die Jugend treffe sich im Club, um gemeinsam Musik zu hören und manchmal organisiere sie eigene Events, wie zum Beispiel einen Techno Rave für Gleichaltrige. In manchen Fällen überschnitten sich jedoch auch die beiden Gruppen, beispielsweise bei größeren Musikveranstaltungen. Integriert werden die Jugendlichen jedoch nicht nur im Rahmen des Musikclubs, sondern auch wenn es um musikalische Aktivitäten im Allgemeinen geht oder wenn Projekte durchgeführt werden, um EU- Gelder zu erhalten. So haben einige der Jugendlichen dabei geholfen, das Tonstudio, das sich am Rande Bistricas an der Grenze zu Kroatien befindet, zu renovieren. Auf diese Weise wurde das Tonstudio für die Jugend zu einer Art Treffpunkt und zugleich zu einem wichtigen Teil der Musikszene in Bistrica ob Sotli.
Das Tonstudio wird sowohl von regionalen Bands aus Bistrica und Umgebung, aber auch von nationalen und internationalen Bands auf der Durchreise bzw. die im Club gespielt haben, genutzt. Künstler:innen aus ganz Europa aus der freien Szene, die sich der Improvisation und dem Jazz zugehörig fühlen, kommen nach Bistrica, um im Studio ihre Musik aufzunehmen. Auch wenn der Großteil der aufgenommenen wird,Improvisationmusik ist, nehmen die Bands aus Bistrica auch Musik aus dem Bereich Hardrock oder Pop auf, was jedoch einem größeren Aufwand entspricht. Durch die Verbindung des semi-professionellen Tonstudios mit der regionalen sowie internationalen Musikszene wird erneut deutlich, welche Bedeutung Musik in dem kleinen Ort hat und wie man mit „nur“ einer Vision, aber viel Engagement etwas so Einzigartiges schaffen kann wie die Musikszene in Bistrica ob Sotli. Es entstand dort so, etwas, was man sonst nur in urbanen Gegenden vermuten würde.
Veranstaltungen
Neben Tonaufnahmen im Studio und kleinen Improvisationskonzerten finden in Bistrica regelmäßig verschiedene Veranstaltungen statt, die abwechslungsreich und durchdacht sind und ein sehr diverses Publikum ansprechen.
Eine der größten Veranstaltungen in Bistrica ist das „Defencing“ -Festival, das von 2016 bis 2019 und 2022 im Sommer, am Grenzzaun zu Kroatien als eine Art Protest stattfand. Das Festival entstand vor dem Hintergrund, dass ein Zaun zu Kroatien gebaut wurde, um Menschen auf der Flucht von einem illegalen Grenzübergang abzuhalten. Einige Bewohner:innen der Region entschlossen sich dazu, Flüchtende mit dem Protest-Festival direkt am Grenzzaun zu unterstützen. Die Bands, die beim Festival auftreten, sind eher unbekannt, aber – wie mir die Organisatoren glaubhaft versicherten – durchaus qualitativ hochwertig. So erklärte mir Andrej, einer der Verantwortlichen des Klub Metulj,
“This is all a kind of a compromise because we are part of this alternative community and we don´t really like to make commercial profit. So you have to find the bands that don´t cost too much but make good music”.
Genauso offen wie das Publikum und das Konzept des Festivals sind die Bands, die dort auftreten. Rap, Heavy Metal und DJs füllen das Line-up.
“It´s defencing, so part of the concept is not being limited” (Andrej).
„Kolomonov Žegen“ ist ein weiteres Festival, das wechselnde Genres „feiert“, um alle Altersgruppen und Interessen anzusprechen. Das Festival beginnt jedes Jahr im November mit einer lokalen Band, gefolgt von einem Auftritt einer bekannteren Gruppe. Thematisch geht es darum, alte Volkslieder bzw. Traditionen auf moderne Art und Weise zu interpretieren. Im Jahr 2022 wurde das Genre Hip-Hop ausgewählt, was zahlreiche junge Erwachsenen und Jugendliche und viele junge Leute aus Slowenien bzw. aus benachbarten Regionen anzog und sie auf diese Weise auf das Dorf und dessen kulturelles Angebot aufmerksam machte.
Die Festivals in Bistrica sind genau wie auch der Rest der Musikszene dort besonders, doch ein Teil des Musikkonzeptes in diesem einzigartigen Ort ist die Veranstaltung der „Sunday Noise“- Konzerte. Die Idee dahinter war, bekannte Bands, die sich auf Europatour befinden, „abzufangen“ und im Klub Metulj auftreten zu lassen. Die meisten Bands haben sonntags gewöhnlich keine Auftritte und werden somit an diesem Tag auch nicht bezahlt. Die Verantwortlichen des Clubs nutzen damit ihre Chance, Bands an genau diesen Tagen zu buchen, da sie wussten, dass beide Seiten daraus einen Vorteil ziehen: Bistrica konnte berühmte Künstler im Dorf auftreten lassen, und die Künstler:innen hatten auch sonntags Unterkunft und Bezahlung.
Hinter dem Erfolg durch Konzerte und Festivals stecken viel Arbeit und Aufwand. Auch wenn es eine Reihe von engagierten Personen gibt, die sich zudem für die Partizipation an der Organisation und Durchführung solcher Veranstaltungen interessieren, ist zu bedenken, dass Festivals, die nicht auf Kommerz aus sind, immer auf Ehrenamtliche und Freiwillige angewiesen sind:
„It’s organized in the way that the guy who works in the studio, the guy who is the owner and me just work our asses off for six to seven days, and then some volunteers are going to help, and then after the festival, we’re like fuck it, we’re not doing this next year.” (Andrej)
Die drei beschriebenen Beispiele sind nur ein kleiner Teil der zahlreichen Veranstaltungen, die in Bistrica jedes Jahr stattfinden, doch sie geben einen guten Überblick über die kreativen Ideen und Lösungen, die die Kreativen in diesem Ort immer wieder finden. Bistrica ist ein Dorf, wo sich viele engagierte und einfallsreiche Menschen zusammenfinden und Probleme und Herausforderungen auf eine neue und innovative Art angehen. Dies tun sie, weil Musik für sie eine Leidenschaft ist, aber auch deshalb, weil sie alles für die Zukunft ihres Dorfes und die Vision einer einzigartigen Musikszene geben.
Um jedoch auch noch in Zukunft weitere Projekte durchführen und Konzerte veranstalten zu können, sind sich die Organisator:innen bewusst, dass sie sich in Zukunft noch mehr auf die Jugend und die Zusammenarbeit mit den jungen Einwohner:innen konzentrieren müssen, um irgendwann den Stab an sie weiterzureichen. Vor allem, so erfahre ich, planen sie, auch das Angebot vermehrt auf die Interessen der jüngeren Bevölkerung auszulegen, um wieder mehr Publikum und weitere Unterstützer:innen anzulocken. Dazu gehört auch die musikalische Weiterbildung von Kindern und Jugendlichen; so wurde zusätzlich zu den bereits bestehenden Bands in Bistrica noch eine zusätzliche Rockband für Schulkinder gegründet. Des Weiteren hat in den letzten Jahren ein junger Musiker aus dem Dorf begonnen, Raves für junge Leute zu organisieren, die so beliebt wurden, dass sie vom Klub in die Feuerwehrstation umgezogen sind. Ein Mitglied des Klubs, ging dahingehend darauf ein, dass die Veranstaltung vor allem nach der Corona Pandemie große Begeisterung hervorrief.
„And there were only young people, and there were masses of them because after Corona, the people were missing events and they heard about this and they just, you know, came in masses” (Gaya).
Schluss
Wer das erste Mal nach Bistrica ob Sotli kommt, stellt sich die Frage, wie ein Musikclub mit dazugehörigen Jugendverein in solch einem peripheren Ort an der Grenze überhaupt funktionieren kann. Doch nachdem ich die Bewohner:innen, und vor allem die Organisator:innen dieses Clubs kennengelernt habe, habe ich verstanden, wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten, die richtigen Partner zu finden und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Bistrica ob Sotli ist vielleicht nur ein kleiner Ort, aber dafür mit einem umso größeren und vielfältigen kulturellen Angebot. Dieses kleine Dorf an der kroatischen Grenze wirkt zunächst unscheinbar, seine eigentliche Größe erlangt es durch das beeindruckende Zusammenspiel von Zusammenarbeit, Engagement und natürlich von Musik, die den Grundstein für Beziehungen zu nationalen und internationalen Musikern und Fans legt, die weit über Bistrica hinausreichen.
Der Besuch in Bistrica ob Sotli zeigt, wie viele Möglichkeiten es auch in einem kleinen Ort gibt. Es braucht keine große Stadt, um ein modernes und vielfältiges Kulturangebot zu schaffen.
Quellenverzeichnis
Klub Metulj. Online unter: https://www.klub-metulj.org/ (letzter Zugriff: 29.09.2023)