Grenzen im Museum 

Die Konstruktion nationaler Identitäten durch Erinnerungsarbeit und Inszenierung 

by Sarah Levstock

Museen als Hüter und Erzähler von Geschichte haben im Laufe der Zeit eine facettenreiche Rolle als kulturelle Institutionen eingenommen; nicht nur als Bewahrer von Artefakten vergangener Epochen, sondern auch als Erinnerungsorte, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Geschichte lebendig und zugänglich zu gestalten. In diesem Kontext rückt die Inszenierung von Grenzen im Museum als ein faszinierendes und zugleich bedeutungsvolles Element in den Fokus der Betrachtung. Museen dienen nicht nur dazu, historische Ereignisse zu präsentieren, sondern auch dazu, ein Verständnis für komplexe kulturelle, politische und soziale Zusammenhänge zu vermitteln. Durch eine Analyse der Darstellung von Grenzen in musealen Ausstellungen kann besser verstanden werden, wie diese Institutionen dazu beitragen, die nationale Identität zu formen und historische Narrative zu prägen.  

Kapitel 2, Erinnerungsarbeit im Museum, beschäftigt sich mit der wesentlichen Rolle, die Museen bei der Erinnerungsarbeit haben. Durch die enge Verbindung von Erinnerungskultur und Erinnerungsarbeit formen Museen Geschichten und historische Narrative, wobei sie Herausforderungen, wie die Darstellung von Konflikten und die Vermittlung positiver Sinngebungen, bewältigen müssen. Insgesamt leisten Museen einen bedeutenden Beitrag zur Bildung einer informierten und aufgeklärten Gesellschaft, indem sie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen und Raum für kritische Reflexion über kollektive Geschichtsausbildung bieten. Kapitel 2.1 Auswirkung auf Besucher:innen verdeutlicht, dass Museen keine neutralen Vermittler von Wissen sind, sondern stets Einfluss auf den/die Besucher:in nehmen.  Kapitel 3 Die Bedeutung von Grenzen verdeutlicht, dass Grenzen nicht nur als physische oder politische Trennlinien fungieren, sondern auch als Träger vielschichtiger Bedeutungen und symbolischer Konstrukte, die Identitäten formen und kollektive Erinnerungen verankern. Die Inszenierung von Grenzen im Museum (Kapitel 4) ist eine Überleitung für die beispielhafte Veranschaulichung der Museen in Slowenien und Ungarn, die in Kapitel 4.1 Bsp. 1 Varuhi Meje (Musuem Slowenien) sowie 4.2 Bsp. 2 Hungarian Border Guards Museum (Museum Ungarn) beschrieben und analysiert werden. Diese zwei Kapitel versuchen anhand der Beispiele zu zeigen, welche unterschiedlichen Narrative die Museen durch ihre Ausstellungen vermitteln. 

Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Museen als Erinnerungsorte anhand der Darstellung von Grenzen in zwei Museen in Slowenien und Ungarn. Ziel ist es, zu analysieren, welches Bild von Grenzen und Nationen den Besucher:innen vermittelt wird, und wie diese Darstellungen die Besucher:innen beeinflussen können. 

Erinnerungsarbeit im Museum

Erinnerungsarbeit ist ein zentraler Bestandteil von Museen, da sie wesentlich zur Bewahrung und Interpretation von Geschichte beitragen. Durch die Ausstellung historischer Artefakte, die Kontextualisierung davon und die Präsentation verschiedener Perspektiven ermöglichen Museen ein umfassendes Verständnis vergangener Ereignisse. Darüber hinaus bieten sie einen Raum für kritische Reflexion und Bildung, was zur Entwicklung einer informierten und reflektierten Gesellschaft beiträgt. Museen haben auch einen Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs, indem sie unterschiedliche Themen aufgreifen und Interpretationen prägen. Insgesamt tragen Museen durch ihre Erinnerungsarbeit dazu bei, das kulturelle Gedächtnis zu bewahren, Geschichte lebendig zu halten und einen Beitrag zur Bildung einer informierten Gesellschaft zu leisten. 

Das kulturelle Gedächtnis, wie von Jan Assmann (2005) beschrieben, umfasst mythische Ereignisse aus der fernen Vergangenheit. Diese Ereignisse bilden Grundlagen für Identität und Kohärenz von Gesellschaft und fixieren wichtige Ereignisse in kulturellen Objekten und Ritualen (Erll 2011: 31). Unterschiedliche Gesellschaften gehen unterschiedlich mit Veränderungen in der Erinnerungskultur um. Dabei ist das kollektive Gedächtnis durch die Selektion von Erinnerungen sowie durch das Zusammenspiel von Vergessen und Erinnern geprägt (Assmann 2005: 52). In diesem Kontext spielen Museen eine entscheidende Rolle, indem sie nicht nur als Bewahrer von Artefakten dienen, sondern auch als zentrale Orte der Erinnerungskultur, die Geschichten und historische Narrative vermitteln. Dadurch wird das Museum zu einem der wichtigsten Räume, die das sog. kulturelle Gedächtnis reproduzieren (Habsburg-Lothringen 2019: 3). 

Museen, die gesellschaftlich historische Themen aufarbeiten, weisen eine besonders enge Beziehung zwischen Erinnerungskultur und Erinnerungsarbeit auf. Gleichzeitig beeinflusst die gesellschaftliche Erinnerungskultur die Arbeit des Museums, indem sie Themen und Interpretationen prägt (Radonić/Uhl 2020: 11f.). Zusammen formen Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur die Art und Weise, wie Geschichte im Museum dargestellt und vermittelt wird (ebd.). Somit könnte man von einer reziproken Beziehung zwischen Erinnerungskultur und musealen Arbeit sprechen. 

Museen tragen dazu bei, Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen, unterschiedliche Perspektiven zu präsentieren und somit einen Beitrag zur Bildung einer informierten und reflektierten Gesellschaft zu leisten. Die Stärke der Erinnerungsarbeit in Museen liegt in ihrer Fähigkeit, Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen, die Kontinuität menschlicher Erfahrungen zu bewahren und einen Raum für kritische Reflexion über unsere kollektive Geschichte zu öffnen. Insgesamt sind Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur im Museum untrennbar miteinander verbunden und tragen gemeinsam dazu bei, wie Geschichte erinnert, verstanden und interpretiert wird.  

Auswirkung auf Besucher:innen   

Bereits seit dem 19. Jahrhundert ist es klar, dass Museen nicht nur Einfluss auf den/die einzelne:n Besucher:in haben, sondern sogar auf das gesamte nationalstaatliche Bewusstsein, denn „[…] das Museum sagt und zeigt den Menschen, wer und wie sie sind“ (Habsburg-Lothringen 2019: 4). Essenziell für diese Darstellung bzw. Vermittlung im Museum sind Objekte. Diese können als verbindende Symbole für Gemeinschaften agieren und dienen so als Repräsentation einer gemeinsamen Geschichte und als identitätsstiftende Elemente (ebd.). Vor allem durch die Darstellung des vermeintlich Anderen können allerdings auch negative Stereotype und Narrative verstärkt werden (Radonić/Uhl 2020: 8). Dies verdeutlicht, dass Museen längst nicht nur objektives Wissen zu bestimmten Themen vermitteln. Im Gegenteil: In diesen Räumen findet auch eine gewisse Einflussnahme auf Werte, Normen bis hin zur Identitätsbildung statt (Habsburg-Lothringen 2019: 3). 

So ist es klar zu sagen, dass Museen niemals neutral sein können (Habsburg-Lothringen 2019: 4).  

„Museen sind immer schon Produkte der Gesellschaften, die sie betreiben, und geprägt von den Vorgaben der (kultur-)politisch Machthabenden sowie den gesellschaftlichen Eliten, die als Finanziers oder in verantwortlicher Position festlegen, welche Themen in Museen verhandelt werden und welche Objekte würdig und wert sind, in eine Sammlung als Basis späterer Erzählungen Eingang zu finden.“ (Ebd.)  

Diese Beeinflussung ist nicht zwangsläufig manipulativ, sondern zielt vielmehr darauf ab, die Besucher:innen zu informieren, zu inspirieren und zum Nachdenken anzuregen. Indem das Museum verschiedene Perspektiven präsentiert, komplexe Zusammenhänge erklärt und zur kritischen Reflexion anregt, kann es einen wertvollen Beitrag zur Bildung und kulturellen Entwicklung seiner Besucher:innen leisten.

Die Bedeutung von Grenzen   

Im Kontext der bereits dargestellten Themen spielt die Bedeutung von Grenzen eine zentrale Rolle. Grenzen sind nicht nur physische oder politische Trennlinien, sondern auch Träger vielschichtiger Bedeutungen und symbolischer Konstrukte. Sie markieren nicht nur territoriale Abgrenzungen, sondern auch kulturelle, soziale und ideologische Schranken. Grenzen fungieren als Schnittstellen, an denen Identitäten geformt, Machtverhältnisse manifestiert und kollektive Erinnerungen verankert werden. 

Ähnlich beschreibt auch Ernest Gellner Nationen, Gruppen innerhalb bestehender Grenzen, die sich durch verschiedene Kriterien definieren lassen können: „Die meisten überdauernden Gruppen gründen sich auf eine Mischung aus Loyalität und Identifikation […] und äußeren Anreizen positiver oder negativer Art, auf Hoffnungen und Ängste“ (Gellner 1995: 83). Ein weiteres Kriterium ist, dass Menschen nur in Gemeinschaften leben können, wenn sie eine gemeinsame Kultur teilen (ebd., S. 85). Nation wäre so durch eine kulturelle Grenze bzw. durch eine gemeinsame „Kultur“, oder vielleicht sogar eine gemeinsame „Hochkultur“ definierbar. 

Das Konzept der Grenze dient demnach als Manifestation sozialer Ordnung und Hierarchien sowie als Instrument der Abgrenzung und Inklusion. Dadurch wird gleichermaßen klar, dass das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Nation tief in der Identität des Menschen verankert ist (Anderson 1998, S. 17ff.). Die Vorstellung einer Nation impliziert ein Verständnis von räumlicher Begrenztheit, das neben der eigenen Nation auch das Bewusstsein für andere Nationen einschließt. Diese Vorstellung umfasst eine vage Kenntnis über die Größe der eigenen Nation. Obwohl explizite Zustimmung nicht zwingend erforderlich ist, existiert dennoch eine kollektive Vorstellung von einem gemeinsamen Wir, das diese Begrenztheit umfasst (ebd.).  

Im Zusammenhang mit Erinnerungsarbeit und dem kulturellen Gedächtnis lassen sich Grenzen als Schnittstellen betrachten, an denen historische Narrative konstruiert und vermittelt werden. Sie fungieren als Erinnerungsorte, an denen kollektive Identitäten geformt und nationale Narrative verfestigt werden. Durch die Darstellung von Grenzen in Museen als Erinnerungsorte werden nicht nur historische Ereignisse und kulturelle Entwicklungen reflektiert, sondern auch die Konstruktion von Identität und Zugehörigkeit hinterfragt. Gleichzeitig hat genau eine solche Konstruktion von Zugehörigkeit und Ausschluss eine weitreichende Auswirkung auf die Formung des öffentlichen Bewusstseins und der nationalen Identität (Sutherland 2014: 177). 

Grenzen sind somit mehr als nur physische Barrieren; sie repräsentieren komplexe soziale Konstrukte und kulturelle Konzepte, die tiefe Auswirkungen auf individuelle und kollektive Erfahrungen haben. Ihre Bedeutung erstreckt sich weit über ihre materielle Existenz hinaus und prägt die Art und Weise, wie Geschichte erinnert, verstanden und interpretiert wird maßgeblich. 

Zur Inszenierung von Grenzen im Museum 

  Nationale Grenzen können im Museum, je nach den Zielen und dem Thema der Ausstellung, auf verschiedene Arten präsentiert werden. Eine gängige Methode ist die Verwendung von Objekten, wie etwa Karten oder Modellen, um die genauen Positionen von Staatsgrenzen und ihre Veränderungen im Laufe der Zeit zu zeigen  

Museen können weiterhin historische Artefakte wie Grenzmarkierungen, Grenzsteine oder Alltagsgegenstände der dort stationierten Soldaten ausstellen, um den Besucher:innen einen Einblick in die physischen Aspekte der Grenzziehung und dem Leben an der Grenze zu geben.  

Museen können schließlich Geschichten von Einzelpersonen oder Gemeinschaften präsentieren, die von Grenzverschiebungen bzw. -ziehungen betroffen waren/sind. Persönliche Erzählungen können einen emotionalen Zugang zu diesem Thema bieten und den Besucher:innen helfen, sich mit den Auswirkungen von Grenzen auf das tägliche Leben auseinanderzusetzen. 

Gleichzeitig dienen geschichtliche Museen auch als Foren, in denen Besucher:innen die Verbindung zwischen abstrakten Konzepten wie Staatsbürgerschaft, nationaler Zugehörigkeit und deren alltäglichen Auswirkungen auf Individuen erkunden können (Sutherland 2014: 177). Museen konstruieren nicht nur nationale Identitäten, sondern beeinflussen auch die Vorstellung davon, wer zur Nation gehört und wer davon ausgeschlossen ist (ebd.). Insgesamt bieten Museen eine breite Palette von Möglichkeiten, um nationale Grenzen zu präsentieren. Diese Präsentationen tragen dazu bei, ein umfassendes Verständnis für die Bedeutung und Auswirkungen von Grenzen in der Geschichte und Gegenwart zu fördern. In den folgenden zwei Abschnitten werden zwei Museen besprochen, die sich mit Grenzen auseinandersetzen.   

Das Museum Varuhi Meje (Slowenien)

Das Museum Varuhi Meje  (Grenzschutz-Museum) in Slowenien ist ein faszinierendes kulturelles Zentrum, das sich der Erforschung und Darstellung von der Grenze zwischen Slowenien und Ungarn im Gebiet Prekmurje widmet.  

Es liegt in der Gemeinde Petrovci in der Region Prekmurje und finanziert sich durch lokale Mittel. Das Museum spielt eine wichtige Rolle für die Darstellung und Bewahrung der Geschichte der Region Prekmurje, insbesondere in Bezug auf die Grenze zu Ungarn. Durch seine einzigartige Sammlung und Ausstellung bietet es Besucher:innen die Möglichkeit, sich mit der Geschichte, Bedeutung und Vielfalt der slowenisch-ungarischen Grenze auseinanderzusetzen. Als ein wichtiger Erinnerungsort trägt das Museum dazu bei, das Verständnis für die Rolle von Grenze in verschiedenen gesellschaftlichen und zeitlichen Kontexten zu vertiefen und einen Einblick in die damit verbundenen historischen, politischen und kulturellen Aspekte zu ermöglichen. 

Im Grenzmuseum auf der slowenischen Seite wurde der Schwerpunkt auf die slowenisch-ungarische Grenze in der Region von Prekmurje gelegt. Das Museum geht ausführlich auf kulturhistorische sowie geo-politische Ereignisse an der Grenze und deren Auswirkungen auf die umliegende Umgebung und Gesellschaft ein. Das Museum beherbergt ausgewählte Exponate, darunter Uniformen, Landkarten, Grenzsteine, Alltagsgegenstände der Soldaten, und Stacheldraht. 

Die Veranschaulichung und Einordnung von Ausstellungsobjekten, wie etwa Landkarten, ermöglichte es, die Festlegung, den Verlauf und die potenzielle Veränderung der Grenze im Laufe der Zeit besonders gut zu verstehen. Das Museum bietet neben den Exponaten eine umfassende Kontextualisierung der Ausstellung in Form von viersprachigen Informationstafeln, die verschiedenste Aspekte an der Grenze zu Ungarn darlegen. Diese Kombination von Text, Bildern und Objekten trägt dazu bei, die Grenze von Slowenien zu Ungarn in der Region Prekmurje zu verdeutlichen. Dabei werden die vielfältigen, mit der Grenze zusammenhängenden Themen sowie die lokale Geschichte lebendig und greifbar dargestellt. Im Grenzmuseum auf der slowenischen Seite wurde ein Bild von der lokalen Grenze vermittelt, das stark mit der regionalen Geschichte und den kulturellen Ereignissen im Gebiet von Prekmurje verbunden ist. Insbesondere die chronologische Darstellung verschiedener Ereignisse und Konflikte im Verlauf der Geschichte bietet den Besucher:innen einen fundierten Überblick über die historischen Entwicklungen. Themen wie der Anschluss von Prekmurje an das SHS Königreich, die Grenzziehung vor Ort zwischen 1921 und 1924, das Alltagsleben der Soldaten, der Zweite Weltkrieg, der Krieg um Pomurje (ein Gebiet in Prekmurje) und Ähnliches geben Auskunft über die turbulente Vergangenheit an der Grenze.

Diese zeitliche Aufarbeitung ermöglicht es, Zusammenhänge besser zu verstehen und die Ursachen und Folgen der Ereignisse zu erfassen. Themen, wie die Tagesroutine der Soldaten, der demokratische Prozess Sloweniens sowie der Beitritt zum Schengenraum, werden ebenfalls behandelt.  

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Geschichtsdarstellung im Museum sehr einseitig ist. Obwohl sich das Museum intensiv mit der Grenze zu Ungarn befasst, wird ausschließlich die slowenische Perspektive dargestellt. Es wird zu keiner Zeit ein Standpunkt der ungarischen Seite wiedergegeben. Ebenso findet sich keine Repräsentation einer möglichst neutralen, übergreifenden Perspektive. 

Es ist wichtig zu betrachten, wie Museen bestimmte Narrative konstruieren, da dies direkte Auswirkungen darauf hat, wie Besucher:innen Geschichte und komplexe historische Ereignisse verstehen. Aufgrund der einseitigen Geschichtserzählung im Varuhi Meje entsteht ein bestimmtes Narrativ, das vor allem die Perspektive und Interessen Sloweniens hervorhebt, während die Sichtweisen und Standpunkte der ungarischen Seite entweder vernachlässigt oder nicht angemessen dargestellt werden. Dies kann dazu führen, dass Besucher:innen ein lückenhaftes oder verzerrtes Verständnis von den historischen Ereignissen und der Bedeutung der Grenze erhalten, da sie nur eine Seite der Geschichte erfahren.        

Ungarisches Grenzschutzmuseum (Ungarn)        

Als zwischen 1921 und 1924 nach dem Vertrag von Trianon die Grenze zwischen Ungarn und Slowenien gezogen wurde, verwandelte sich Apátistvánfalva in einen Grenzort. Dies führte dazu, dass der Grenzschutz zu einem zentralen Thema in diesem kleinen Ort wurde. Dort befindet sich heute das Ungarische Grenzschutzmuseum, welches sich dem Erbe der ungarischen Grenzschutztruppen widmet.  

Als Träger dieses Museums fungiert die ungarische Regierung, was seine Bedeutung als offizielle Institution für die Bewahrung und Darstellung der Geschichte des Grenzschutzes unterstreicht. Durch seine besondere Sammlung von Artefakten bietet das Museum den Besucher:innen die Möglichkeit, die Geschichte der Grenzsicherung in Ungarn zu erkunden. Die Auswirkungen auf die lokale Region und den Ort Apátistvánfalva stehen hier eher im Hintergrund. 

Das Grenzmuseum auf der ungarischen Seite war reich an Exponaten, jedoch bot es vergleichsweise wenig Textinhalte, wodurch Einiges an Geschichte und Informationen verloren geht. Beim Betreten des Museums sieht man auf dem ersten Blick die Dichte an ausgestellten Exponaten, die auf den Nationalstolz Ungarns hindeuten. Große Fahnen mit goldenen Details hängen von der Decke, Portraits von Generälen sind an den Wänden zu sehen und historische Artefakte sind ausgestellt, um eine eindrucksvolle Darstellung der militärischen Geschichte zu bieten.  

Jeder Raum im Museum hat einen anderen thematischen Schwerpunkt und wurde den alltäglichen Leben und Lebensräumen der Soldaten nachempfunden, wodurch man in die jeweilige kulturelle und historische Situation eintauchen kann. Diese verschiedenen Räume versuchen dadurch eine tiefergehende Erzählung der nationalen Geschichte zu inszenieren. Ein Raum, der einer Funkstation gewidmet ist, verdeutlicht neben der Bedeutung der Kommunikation und Technologie für die Soldaten auch die strategische Wichtigkeit der Grenzsicherung für das Land. Das Schlafzimmer mit seinem Bett, Schreibtisch und Schreibmaschine verdeutlich die private Umgebung der Soldaten, aber illustriert auch die Alltagsroutine und den Einsatz, den sie für ihr Land geleistet haben. Der Aufenthaltsraum wiederum lässt Besucher:innen nachempfinden, wie die Freizeitgestaltung der Soldaten ausgesehen hat und soll auch den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb der Einheit symbolisieren. 

Im Museum werden neben zahlreichen ausgestellten Abzeichen der Soldaten und Generäle, auch sogenannte Liebesromane gezeigt. Diese bieten eine Reflexion über die sozialen Normen und die Rolle der Soldaten in der Grenzregion. Durch die Warnung vor Beziehungen mit Bewohnerinnen des feindlichen Gebiets wird nicht nur die Loyalität gegenüber der eigenen Nation betont, sondern auch die Spannung und Unsicherheit in der Grenzregion thematisiert.  

Die Fotografien von Soldaten mit ihren tierischen Begleitern, Fahrzeugen und Kollegen vermitteln einen visuellen Eindruck vom Soldatenleben und illustrieren die vielschichtigen Aspekte der militärischen Präsenz in der Grenzregion. Die Inszenierung der Exponate im Museum stellt ein Bild von Nation dar, das stark auf die militärische Präsenz und die Sicherung der Grenze fokussiert ist. Vor allem die Bedeutung der Loyalität zur eigenen Nation und die Spannungen in der Grenzregion werden hervorgehoben. Die Exponate bieten einen Einblick in das Leben als Soldat an der Grenze und visualisieren die sozialen Normen der Zeit. Das führt zu einem tieferen Verständnis und lädt zu einer Auseinandersetzung mit der nationalen Geschichte ein. 

Das Grenzmuseum auf der ungarischen Seite vermittelt demnach ein Bild der Grenze, das stark von Nationalstolz geprägt ist. Die reiche Ausstattung an Exponaten und die fehlenden Textinhalte deuten darauf hin, dass der Fokus auf der visuellen Darstellung und der symbolischen Repräsentation liegt. Gleichzeitig schafft die Ausstellung so eine beeindruckende Inszenierung der militärischen Geschichte und betont den Stolz der nationalen Identität Ungarns. Die räumliche Gestaltung des Museums ermöglicht es den Besucher:innen, in verschiedene kulturelle und historische Situationen einzutauchen, insbesondere in das Leben und die Umgebung der ungarischen Soldaten. Durch die gesamte Aufmachung des Museums wird ein Bild von Disziplin, Solidarität und Verbundenheit mit dem eigenen Land vermittelt und unterstreicht zudem den Zusammenhalt innerhalb der Armee und die Werte, die mit dem Militärdienst verbunden waren. Insgesamt wird durch die Ausstellung ein nationalistisches Narrativ gefördert, das die Bedeutung der Grenze für die nationale Identität und den Stolz auf das Land hervorhebt. Ähnlich wie im Museum auf der slowenischen Seite fokussiert man sich auch im ungarischen Museum auf eine sehr einseitige Erzählung der Geschichte, hier natürlich aus ungarischer Sicht. Das Bild von Nation, das durch das Grenzmuseum auf der ungarischen Seite vermittelt wird, ist wie bereits ausgeführt von einem starken Nationalstolz geprägt. Jedoch fördert die einseitige Erzählung der Geschichte aus ungarischer Sicht ein nationalistisches Narrativ. Durch die einseitige Repräsentation wird die Bedeutung der Grenze für die nationale Identität betont, aber auch das Bild der historischen Ereignisse zu einem gewissen Grad verfälscht. 

Conclusio 

Die Analyse der Darstellung von Grenzen in Museen als Erinnerungsorte hat gezeigt, dass Museen eine entscheidende Rolle bei der Konstruktion und Vermittlung von Grenzbildern spielen. Durch die Inszenierung von Grenzen formen Museen nicht nur das Verständnis historischer Ereignisse, sondern prägen auch das Bild von Nationen und Identitäten für die Besucher:innen.  

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Darstellung von Grenzen als Erinnerungsorte in Museen anhand zwei konkreter Beispiele aus Slowenien zu analysieren. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den spezifischen Bildern von Grenze und Nation, die diese Institutionen vermitteln. Durch eine detaillierte Betrachtung der Ausstellungen und Präsentationen in den Museen wird ein Einblick in die narrative Gestaltung und die damit verbundenen Perspektiven auf Grenzen und nationale Identitäten gewonnen. 

Das Museum Varuhi Meje in Slowenien konzentriert sich auf die lokale Geschichte der Grenzregion zu Ungarn und hebt die Relevanz der Grenze für die dortige Gemeinschaft hervor. Jedoch wird die Darstellung primär aus der slowenischen Perspektive präsentiert, während die Sichtweise der ungarischen Seite vernachlässigt wird. Im Gegensatz dazu betont das Grenzschutzmuseum in Ungarn einen starken Nationalstolz und hebt die Bedeutung der Grenze für die ungarische Identität hervor. Auch hier wird jedoch eine einseitige Erzählung präsentiert, die die Perspektive der Gegenseite nicht ausreichend berücksichtigt. Eine sehr einseitige Erzählung ist den beiden Museen also gemein. 

Diese Erkenntnisse bieten einen kleinen Beitrag zum Verständnis der Art und Weise, wie Museen als Erinnerungsorte verschiedene Bilder von Grenzen und Nationen vermitteln können.  

Literatur

Anderson, Benedict (1998): Die Erfindung der Nation: zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Berlin: Ullstein. 

Assmann, Jan (2005), Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck. 

Erll, Astrid (2011), Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar: Metzler. 

Griesser-Stermscheg, Martina/Haupt-Stummer Christine/Höllwart Renate/Jaschke Beatrice/Sommer Monika/Sternfeld Nora/Ziaja Luisa (2020), Das Museum der Zukunft*. In: Schnittpunkt, Joachin Baur (Hrsg.) Das Museum der Zukunft. 43 neue Beiträge zur Diskussion über die Zukunft des Museums. Bielefeld: Transcript Verlag: 17-31. 

Gellner, Ernest (1995): Nationalismus und Moderne. Hamburg: Rotbuch: 83-97. 

Habsburg-Lothringen, Bettina (2019), Museum und Bildung. Welches Wissen vermitteln Museen? In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. (35/36), Wien.  

Sutherland, Claire. 2014. “Borders of Belonging: The UK Border Agency Museum as a Nation-Building Site.” In Challenging History in the Museum, eds. Jenny Kidd, Sam Cairns, Alex Drago, and Amy Ryall. London: Routledge, 175–186. 

Radonic Liljana/Uhl, Heidemarie (2020), Das zeithistorische Museum und seine theoretischen Verortungen. Zur Einleitung. Radonic Liljana/Uhl Heidemarie (Hrsg.) Das umkämpfte Museum Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung. Bielefeld: Transcript Verlag: 7-26. 

Links (Metalinks im Text) 

Link 1 Varuhi Meje

https://www.park-goricko.org/go/1231

Link 2 Hungarian Border Guards Museum

https://apatistvanfalva.hu/hataror-emlekhely/

Link 3 Exponate 7 

https://hiddentreasureshungary.wordpress.com/2017/05/19/border-guard-museum-apatistvanfalva/

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Karte

Abb. 2: Grenzstein

Abb. 3: Liebesbrief

Abb. 4: Infobox Varuhi Meje

Abb. 5: Stacheldraht

Abb. 6: Grenzziehung vor Ort 1921-1924

Abb. 7: Infobox Hungarian Border Guards

Abb. 8: Generäle