Inszenierung der slowenischen Minderheit in Ungarn
by Hannah Novak
Im Juli 2024 nahm ich an einem zweiwöchigen Seminar teil, bei dem ich die Gelegenheit hatte, mich wiederholt mit einer Angehörigen der slowenischen Minderheit in Ungarn auszutauschen. Während die Gesprächspartnerin aus dem Seminar selbst wenig Interesse an politischen Themen zeigte, äußerte sie deutliche Frustration über die Repräsentation ihrer Gemeinschaft in Szentgotthárd, dem zentralen Ort der slowenischen Minderheit in Ungarn. Aus den Gesprächen ging hervor, dass die slowenische Minderheit in Ungarn mit zahlreichen Hürden konfrontiert ist: Die Nutzung der slowenischen Sprache ist stark eingeschränkt, und eine qualitativ hochwertige slowenische bzw. zweisprachige Bildung ist nur bis zu einer gewissen Schulstufe zugänglich. Zudem wird innerhalb der Gemeinschaft immer seltener Slowenisch gesprochen, was die kulturelle und sprachliche Kontinuität weiter gefährdet. Diese Eindrücke ergänzten die früheren Beobachtungen, die ich Ende 2023 während einer Exkursion nach Szentgotthárd im Rahmen eines Seminars rund um die Grenze zwischen Ungarn und Slowenien sammelte, wobei Andrea Kovacs, die Vorsitzende des Verbands der Slowenen in Ungarn, ein differenziertes und teilweise umstrittenes Bild der ethnischen Minderheit zeichnete.
„Pomembno je, da si mladi zavedajo svoje kulturne identitete in da postanejo ponosni. Ponosni, da so Slovenci!“
“Es ist wichtig, dass sich die jungen Menschen ihrer kulturellen Identität bewusst sind und stolz darauf sein können. Stolz darauf, Slowene zu sein!”
(Andrea Kovacs)
Während die junge Angehörige über die Hürden der Minderheit erzählte, gilt für Andrea Kovasc, Vorsitzende des Verbandes der Slowenen in Ungarn: „We don‘t talk about problems, only challenges”. Da es nur begrenzte Literatur zur Geschichte dieser Minderheit gibt, basieren die folgenden Abschnitte vor allem auf den Informationen, die uns während der Exkursion vermittelt wurden. Die anschließenden Ausführungen greifen ihre Darstellungen auf und regen gleichzeitig zu einer kritischen Reflexion ihrer Aussagen an.
Die slowenische Minderheit in Ungarn ist die kleinste slowenisch-sprachige Volksgruppe außerhalb der slowenischen Staatsgrenze. Seit dem 6. Jahrhundert leben slowenisch sprechende Menschen in dieser Region, und die Entstehung dieser Volksgruppe ist eng mit den historischen Veränderungen der Grenzsetzungen verbunden. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die territorialen Grenzen mehrfach neu definiert, was dazu führte, dass eine ursprünglich homogene slowenische Bevölkerung in das Gebiet des heutigen Ungarns eingegliedert wurde. Diese politische Grenzverschiebungen trugen zur Bildung einer stabilen slowenischen Gemeinschaft in Ungarn bei, die trotz ihrer geringen Größe bis heute besteht.
Minderheitenorganisationen spielen eine essenzielle Rolle: Bei uns in Kärnten Koroška gibt es einige Institutionen, die der ansässigen slowenisch sprachige Minderheit, zu der ich selbst gehöre, eine vielfältige Infrastruktur bieten. In Ungarn konzentriert sich diese Infrastruktur im Gebäude des Hotels Lipa.
HOTEL LIPA
Das Hotel LIPA, in Szentgotthárd, ist der Informations- und Kulturmittelpunkt der Region Porabje (Raabgebiet/ Vendvidék) bzw. der slowenischen Minderheit in Ungarn. Im Gebäude befindet sich neben dem Hotel und einigen Seminarräumen der Sitz des Verbands der Slowenen in Ungarn (Zveza Slovencev na Madžarskem) sowie zwei weitere slownische Organisationen: die Redaktion der Zeitung Porabje und das Radio Monošter, die wir während unseres Besuches kennenlernten konnten.
Časopis Porabje
Die Zeitung Porabje, die seit Februar 1991 einmal wöchentlich erscheint, ist die einzige Zeitung in Ungarn, die Angehörige der slowenischen Minderheit in Ungarn in ihrer Muttersprache informiert. Porabje wird durch die Arbeit von 10 Autor:innen, teilweise auch aus Slowenien (Region Prekmurje), gestaltet, die auf Honorarbasis bezahlt werden. Das Blatt ist bereits 650-mal erschienen und wurde 450-mal abonniert, wobei das Abonnement nicht kostenlos ist. Die Zeitung beinhaltet eine Rubrik, in der persönliche Lebensgeschichten geteilt werden, sowie eine Rubrik mit dem Titel „Young Porabje“. Gedruckt wird Porabje in Slowenien (Murska Sobota), von wo aus das Blatt nach Ungarn, aber auch in andere Länder, wie Argentinien, Slowenien, Österreich oder die USA verschickt wird. In jeder Ortschaft des Raabgebietes gibt es eine Kontaktperson, welche die Zeitungen erhält und sie an die Abonnent:innen verteilt. Zusätzlich zur gedruckten Edition ist es ebenso möglich, die Zeitung online zu lesen. Der Redaktion Porabje ist es ein großes Anliegen, den Online-Anteil ihrer Zeitschrift interaktiver zu gestalten, zum Beispiel durch Präsenz auf den sozialen Medien, um insbesondere Jugendliche zu erreichen. Dafür wären jedoch, laut Redaktion, größere finanzielle Ressourcen notwendig.
Der Fokus von Porabje liegt klar auf der Erhaltung nicht nur der slowenischen Sprache, sondern besonders auch auf dem Festhalten ihres Dialekts. Deswegen wird der Inhalt der Zeitschrift nicht ausschließlich in slowenischer Schriftsprache, sondern auch im örtlichen Dialekt verfasst. Welche Artikel in Schriftsprache oder im Dialekt veröffentlicht werden, hängt von den Autor:innen selbst ab. Dabei ist zu beachten, dass Aufsätze im Dialekt nicht in die Schriftsprache übersetzt werden, wodurch die Leserschaft dieser Texte eingeschränkt bleibt. Die Zeitschrift wird nämlich auch außerhalb des Raabgebiets gelesen, und manche Leser:innen sind möglicherweise nicht des Dialekts mächtig.
Radio Monošter
Das Radio Monošter sendet täglich zwischen 12 und 16 Uhr und besteht aus vier Jounalist.innen und einem Manager. Finanziert wird das Radio zu 40% von der slownischen Regierung (Außenminsterium) und zu 60% von der ungarischen Regierung. Eine Besonderheit des Radios ist, dass die Sendungen im Dialekt ausgestrahlt werden. Die im Radio gespielte Musik besteht größtenteils aus slowenischer traditioneller Volksmusik Musik, während modernere Lieder in slowenischer Sprache bisher kaum eine Rolle spielen. Auf dem Logo des Radios ist ein Huhn zu sehen, welches Slowenien repräsentieren soll, da die Umrisse von Slowenien auf einer Karte wie ein Huhn aussehen. In der Redaktion waren auch einige Huhn-Accessoires zu sehen. Nach Michael Billigs Konzept des banalen Nationalismus stärkt die subtile, alltägliche Verwendung von Symbolen das nationale Bewusstsein. Das Huhn als Logo und die Huhn-Accessoires in der Redaktion sind Beispiele für diese unauffällige Form des Nationalismus. Sie wirken nicht übertrieben, sondern alltäglich und normal, halten jedoch die nationale Identität ständig präsent. Dadurch wird, laut Billig, das Zugehörigkeitsgefühl zur Nation unbewusst gefestigt, ohne dass es als expliziter Nationalismus wahrgenommen wird. Demnach ist ein sehr starkes Streben nach dem “traditionellen Slowenischen” spürbar.
Auf der Exkursion begleitete uns auch eine Gruppe Studierender aus Ljubljana, Slowenien, die Kritik daran äußerte, dass das Radio nicht mit der Zeit geht und keine Plattform für moderne slowenische Musik oder junge Künstler:innen bietet. Das ausschließliche Spielen traditioneller slowenischer Musik vermittelt ein starkes Narrativ der slowenischen Identität, das an traditionellen Elementen festhält, während moderne Entwicklungen kaum Berücksichtigung finden. Um das Bestehen des Radios zu garantieren wäre es empfehlenswert neuzeitliche Musik zu spielen, um die Hörerschaft auch auf die Jugend zu erweitern. Die Betonung auf traditionelle Musik im Radioprogramm zeigt eine starke Orientierung an kulturellen Traditionen, während die begrenzte Integration von aktuell produzierter slowenischsprachiger Musik auf eine fehlende Vielfalt hinweist, die das moderne musikalische Schaffen des Landes vernachlässigt. Dadurch wird hier, passend zu dem Bild, das in der Redaktion der Zeitung vermittelt wird, eine sehr traditionelle Vorstellung von Slowenien vermittelt.
Zveza Slovencev na Madžarskem
Die Vorsitzende des Verbandes der Slowenen in Ungarn, „Zveza Slovencev na Madžarskem”, Andrea Kovásc, die sich als Slowenin, nicht als „porabska Slovenka“, Angehörige der slowenischen Minderheit in Ungarn, benennt, zeichnet ein faszinierendes Bild der betreffenden ethnischen Gruppe.
Andrea Kovásc’ Entscheidung, sich als „Slowenin“ statt als „porabska Slovenka“ zu bezeichnen, ist symbolisch und politisch bedeutsam. Sie betont damit ihre Zugehörigkeit zur gesamten slowenischen Nation und nicht nur zur regionalen Minderheit in Ungarn. Dies stärkt das nationale Selbstbewusstsein der slowenischen Gemeinschaft in Ungarn und signalisiert eine Identität, die über regionale Grenzen hinausgeht. Ihre Selbstbezeichnung könnte darauf abzielen, die Verbindung zur slowenischen Nation zu betonen und die Wahrnehmung dieser Minderheit auf einer größeren, internationalen Ebene zu fördern.
Der Verband der Slowenen in Ungarn ist eine zivile Organisation. Früher bestand die Organisation unter dem Namen „demokatična zveza Slovanov“ (demokratischer Verband der Slawen), der jedoch unzureichend für das Überleben der slowenischen Sprache gearbeitet hat, da sein Sitz in Budapest und somit zu weit von Porabje, dem Raabgebiet entfernt gewesen war.
Heute unterstützt die Organisation neun Erwachsenengruppen und eine Kindergruppe, die sich der Kulturarbeit widmen. Diese Gruppen treten in mehreren Orten in Slowenien und Ungarn regelmäßig auf und helfen mit, Kultur und Sprache der Minderheit zu erhalten, sowie die Struktur und Arbeit zu professionalisieren. Zu den Hauptaufgaben der Organisation zählen die Erhaltung der kulturellen Identität und der slowenischen Sprache und das Weiterreichen und die Wertschätzung ihres kulturellen Erbes, das als wertvoller Schatz angesehen werden muss. Während der Vorstellung betont Frau Kovacs mehrfach, dass die Bildung und Stärkung der Jugendlichen der Minderheit am wichtigsten seien. Die Jungen sollen praktisch so ausgebildet werden, dass sie in der Zukunft Positionen wie ihre übernehmen können, um das Fortbestehen der Struktur der Minderheit zu garantieren. Dabei sei eine starke Bewusstseinsbildung der Jugendlichen essenziell. Deswegen werden von der Organisation einige außerschulische Aktivitäten gezielt für die (Aus-)Bildung der Heranwachsenden arrangiert. Diese Angebote finden meistens auch in Slowenien oder, wie Frau Kovács es betonte, in der „matična domovina“, wortwörtlichen übersetzt im „Mutterland – „statt.
„Pomembno je, da si mladi zavedajo svoje kulturne identitete in da postanejo ponosni. Ponosni, da so Slovenci!“
“Es ist wichtig, dass sich die jungen Menschen ihrer kulturellen Identität bewusst sind und stolz darauf sein können. Stolz darauf, Slowene zu sein!”
(Andrea Kovásc)
Slovenci? Ne porabski slovenci?! – Slowenen? Nicht Slowenen aus dem Raabgebiet in Ungarn?!
Vor zehn Jahren erkannten sich 2.800 Personen als Teil der kleinsten slowenischen Volksgruppe -heute stieg die Anzahl auf circa 4000 an. Somit ist die Anzahl der Angehörigen sogar gestiegen, und auch die Menge an Schüler:innen an zweisprachigen Schulen nahm deutlich zu, was die Obfrau der Zveza sehr optimistisch in die Zukunft schauen lässt.
„Wie kann sich die Zahl einer Minderheit vermehren? Ziehen da Leute dazu und identifizieren sich einfach?“
Eine weitere Aussage, die mich verwirrte: „Heutzutage ist es populär, Slowene zu sein“ – Mit diesem Satz wird suggeriert, dass es in der Vergangenheit andersherum gewesen sei. Doch als wir sie fragten, ob die Minderheit mit Problemen zu kämpfen hatte bzw. ob es heute noch welche gibt, antwortete sie mit einem schlichten Satz. „We don‘t talk about problems, only challenges“- Man spricht nicht über negative Ereignisse, es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen.
Eine rein positive Denkweise in der Rolle als einer der wichtigsten Vertreter.innen, wenn nicht als wichtigste Hauptvertreterin einer Minderheit, zu haben und nicht reflektierend über die Geschichte der Minderheit vor einer Gruppe interessierter Fremder sprechen zu wollen, ist bedauerlich und vermittelt schnell den Eindruck einer Inszenierung, statt die gesamte Wahrheit kennengelernt zu haben, was in unserem Fall auch so war.
Zwar wollte Frau Kovacs nicht viel über die Geschichte sagen, doch erzählte sie, dass man als Angehörige:r der Minderheit in der Vergangenheit als „Vendi“ betitelt wurde, was ein ungarischer Ausdruck für einen Vandalen ist. Diese Bezeichnung diente der Stigmatisierung und Ausgrenzung der Minderheit und erinnert an die Bezeichnung „Windisch“ für die slowenische Minderheit in Kärnten Koroška, was ihre Erzählung nachvollziehbar erscheinen lässt, jedoch auch im Widerspruch zur früheren Aussage von Herausforderungen statt Problemen steht. Ihre darauffolgenden Aussagen sorgten daraufhin für noch größere Verwirrung, besonders bei den Studierenden aus Ljubljana, die mit fassungslosen Gesichtern zurückblieben.
„Madžari so BARBARI, ker so oni sem prišli! Stari ljudje se še vedno identificirajo kot VENDI- drugi kot SLOVENCI. Saj smo mi SLOVENCI in v Sloveniji pa so SLAVI.”
“Die Ungarn sind BARBAREN, weil sie hierhergekommen sind! Alte Leute bezeichnen sich immer noch als VANDALEN – andere als SLOWENEN. Wir sind SLOWENEN und in Slowenien sind sie SLAWEN”.
(Andrea Kovásc)
Auf der Webseite der Zveza Slovencev na Madžarskem gibt s ein Video („Ne pozabi! Slovenec sem! – Vergiss nicht! Ich bin Slowene!), welches zum slowenischen Kulturfeiertag (im slowenisch-sprachigen Raum auch bekannt als „Prešernov dan“) 2021 entstanden ist. Im Video werden verschiedene slowenische Texte von France Prešeren gelesen und verschiedene Ausschnitte aus dem Leben in Porabje gezeigt. Während der Rezitationen werden immer wieder verschiedene Personen gezeigt, die alle den Satz „Ponosen porabski Slovenec sem/ ponosna porabska Slovenka sem“, Ich bin ein:e stolze:r Slowene:in aus Porabje/Raabgebiet sagen. Nur Frau Kovacs ist die Einzige, die sagt: „ponosna slovenka sem“ „Ich bin stolze Slowenin“.
Andrea Kovacs’ Entscheidung, sich im Video nicht als „stolze Slowenin aus Porabje“, sondern als „stolze Slowenin“ zu bezeichnen, hebt ihre nationale Identität über die regionale Zugehörigkeit hinaus hervor. Während andere Teilnehmer ihre Verbindung zur Region betonen, unterstreicht Kovacs damit eine übergreifende slowenische Identität. Dies könnte darauf hindeuten, dass sie ihre Zugehörigkeit zur gesamten slowenischen Nation betonen möchte, anstatt sich auf ihre Rolle als Mitglied der Minderheit in Porabje zu beschränken.
Basierend auf Aussagen wie “Es ist wichtig, dass sich die jungen Menschen ihrer kulturellen Identität bewusst sind und stolz darauf sein können. Stolz darauf, Slowene zu sein!”, „We don’t talk about problems, only challenges“, „Ich bin stolze Slowenin“, und der Bezugnahme auf Slowenien als „matična domovina“ (Heimatland), stellt sich die Frage, welches Bild oder Narrativ von der slowenischen Minderheit in Ungarn durch Frau Kovacs und ihre Erzählungen gezeichnet wird. Wie werden die Identität und das Selbstverständnis dieser Gemeinschaft vermittelt?
Es kommt so rüber, als ob sie sich selber als Slowenin (aus Slowenien) identifiziert und mit Aussagen, wie soeben gelistet, und ihrer Position als Vorsitzende ihre eigene Art, sich zu repräsentieren, auf die ganze Zveza und somit gleichzeitig auf die slowenische Minderheit in Ungarn übertragt.
In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass das Hotel den Namen „Lipa“ trägt, das slowenische Wort für Linde, da dieser Baum ein starkes Symbol für die slowenische Kultur und Identität ist. Lipa, die Linde ist nicht nur der Landesbaum Sloweniens, sondern auch ein Zeichen für Gemeinschaft, Freiheit und Tradition. In der Geschichte Sloweniens diente sie oft als Versammlungsort, was ihre Rolle als Symbol für soziale Verbundenheit unterstreicht. Zudem ist die Linde in zahlreichen slowenischen Liedern und Gedichten präsent, was ihre kulturelle Bedeutung weiter verstärkt. Sie steht damit für die enge Verbindung zwischen Natur und Kultur sowie für Heimat und Beständigkeit in der slowenischen Identität.
Neben einem Hotel, einem Restaurant und einigen Seminarräume befinden sich, wie bereits weiter oben erwähnt, im selben Gebäude der Verband der Slowenen in Ungarn, das Radio Monošter und die Zeitung Porabje.
Das Hotel wirkt, als sei die gesamte Minderheit im Hotel Lipa, denn außerhalb ist Slowenisch kaum bis gar nicht sichtbar und auch nicht hörbar. Dies offenbarte sich uns, als wir nach dem Besuch des Hotels Lipa durch die Stadt Szentgotthárd schlenderten und gezielt nach der slowenischen Sprache Ausschau hielten. Zwar waren die meisten Schilder und Beschriftungen zweisprachig, jedoch nicht ungarisch und slowenisch, sondern ungarisch und deutsch. Auch auf der Suche nach einem passenden Restaurant in der Mittagspause wurde uns schnell klar, dass im Ort nicht viele der slowenischen Sprache mächtig sind. Da wir in der Stadt keine slowenischen Aufschriften auffanden, versuchte ich im Restaurant auf Slowenisch zu bestellen, worauf eine Antwort auf Englisch folgte. Im Restaurant wurde die Präsenz der deutschen Sprache nochmals um einiges deutlicher.
Die slowenische Minderheit in Ungarn hat durch nationale Gesetze und internationale Abkommen zumindest in der Theorie umfassende Rechte. Sie kann die slowenische Sprache im Alltag nutzen, erhält zweisprachigen Unterricht in Schulen und hat Zugang zu Medien in ihrer Sprache. Zudem soll die Kultur durch staatlich geförderte Programme unterstützt werden, und die Minderheit soll politische Vertretung durch lokale Selbstverwaltungen sowie einen Vertreter im Parlament haben.
In der Praxis sind einige dieser Rechte umgesetzt, besonders im Bildungs- und Kulturbereich, wo es slowenische Schulen und Medien gibt. Dennoch gibt es Herausforderungen, insbesondere in kleineren Gemeinden, wo Assimilation und Abwanderung die slowenische Identität bedrohen. Der Erhalt dieser Identität bleibt also eine ständige Aufgabe. Ähnlich wie bei uns in Kärnten Koroška, wo prestigereichere Sprachen, wie Englisch und Italienisch mehr Platz bekommen als die zweite Landessprache Slowenisch, wird in Ungarn, so wie bereits weiter oben erwähnt, lieber Raum für die Landessprache der österreichischen Nachbarn, dem Deutschen, geschaffen, was den Anschein erweckt, dass die deutsche Sprache in Szentgotthárd, dem Heimatort der Zentrale der slowenischen Minderheitsinstitutionen, präsenter ist als die slowenische.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Besuch in Szentgotthárd letztlich mehr Fragen aufgeworfen hat, als er Antworten lieferte. Einerseits bleibt das Bild der slowenischen Minderheit in Ungarn unklar und wirft viele neue Überlegungen auf. Andererseits steht auch die Rolle von Frau Kovacs – ihre eigene Identität sowie ihre Funktion als Vorsitzende der Organisation – im Raum. Hinzu kommt die Frage nach dem tatsächlichen Stellenwert und der Präsenz der slowenischen Sprache in Ungarn, die weitere Diskussionen erforderlich macht.