by Hannelore Kohlweg
In Bistrica ob Sotli, einer slowenischen Gemeinde an der Grenze zu Kroatien, verläuft zwischen den beiden EU-Mitgliedsstaaten die Staatsgrenze weitestgehend entlang des Flusses Sotla. Der Grenzverlauf entlang der Sotla ist eine aus der Natur abgeleitete „Grüne Grenze“. Mit der Aufnahme Sloweniens in den Schengenraum 2004 wurde dieser Grenzverlauf eine Schengen-Außengrenze, der Grenzübergang war an dieser Stelle verboten und nurmehr an internationalen Grenzübergängen erlaubt. Ab 2015 wurde nach der sogenannten ersten Migrationswelle zwei Meter hohe, in manchen südlichen Regionen Sloweniens sogar vier Meter hohe Grenzzäune errichtet.
Umgeben von Feldern führt von der Gemeinde Bistrica ob Sotli eine schmale Straße zum kroatischen Nachbarort Kumrovec. Den Grenzfluss überquert eine alte, einspurig befahrbare Bücke aus Beton, mit einem Betonsockel auf beiden Rändern, auf dem ein rot und gelb lackierter Metallzaun angebracht ist. Auf dieser Brücke wird, so der Bürgermeister der Gemeinde Bistrica, Franjo Debelak, von den Anrainer*innen beidseits der Grenze jährlich das Fest zum Ersten Mai gefeiert.1 Der erste Mai war zur Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien bis 1992 in beiden Ländern ein gesetzlicher Feiertag. Er wurde als Tag der Arbeit groß inszeniert und gefeiert. Der Flussübergang wird vom Bürgermeister von Bistrica die Brücke zum 1. Mai genannt. In einem Bericht auf der Facebook-Seite der Občina Bistrica ob Sotli über die Feierlichkeiten 2023 und auf der Homepage des Fernsehsenders ZAPAD wird sie auch als „Brücke der Freundschaft“, auf Slowenisch „most prijateljstva“, bezeichnet.2 „Der Zusammenhalt der Bewohner*innen der Nachbargemeinden Bistrica und Kumrovec, und die Pflege ihrer Kultur werden an diesem Tag auf der Brücke zelebriert“, so Bürgermeister Debelak. Die Grenzkontrollen seien für die Dauer der Feierlichkeit für die Anrainer*innen quasi ausgesetzt, Grenzbeamte seinen nur vor Ort anwesend.
Am letzten Tag der Feldforschung nehme ich mir vor, diese unscheinbare und doch symbolisch aufgeladene Brücke zu besuchen. Mittels des GPS am Handy kann ich erkennen, dass etwa 5 km entfernt vom Ortskern ein Weg über den Fluss Sotla führt. Ich nutze also den Vormittag vor der Abreise aus Bistrica, um zu dieser Brücke zu spazieren. Ich wandere entlang der Feldwege, fotografiere die Landschaft und ein altes Bauernhaus, das auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Felder im Ortsteil Kunšperk ob Bistrici steht. Von hier oben kann ich bereits den Flussverlauf der Sotla sehen. Parallel dazu, entlang der slowenischen Seite des Flusses, verläuft ein grüner, etwa zwei Meter hoher Grenzzaun, an dem oben noch unüberwindbarer Klingendraht geschlungen ist. Er wirkt wie ein Fremdkörper in der friedlichen Landschaft, unangenehm und bedrohlich auf mich. Mit dem NATO-Draht obenauf zeigt sich hier das Grenzregime. Es ist vom Charakter einer Schengen-Außengrenze, die auf der Prämisse basiert, dass Freiheit im Inneren nur durch Sicherheit nach außen erreicht werden kann. Damit wird alles außerhalb der Grenze zum Sicherheitsrisiko erklärt.
Ich beobachte, dass die Bodenflächen auf slowenischer Seite landwirtschaftlich genutzt werden, auf kroatischer Seite dagegen das Grenzland zu großen Teilen brach liegt. Dort steht in einiger Entfernung eine heruntergekommene Industriehalle – ein ehemaliges Stahlwerk – so erfuhr ich von einem Landwirt aus der Region, das nun von einem italienischen Unternehmen als Lagerhalle genutzt wird. Einige Meter vor dem Fluss verlaufen auf slowenischer Seite, von der schmalen asphaltierten Zufahrtsstraße unterbrochen, offensichtlich schon seit langer Zeit ungenutzte Bahngeleise, die sich die Natur wieder zurückerobert hat. Diese Ansicht liegt von der Anhöhe aus betrachtet wie ein Landschaftsteppich ausgebreitet vor mir.
Als ich zum Grenzfluss hinuntergehe, fährt ein privater PKW in einiger Entfernung auffällig langsam vorbei, bleibt stehen, fährt dann wieder weiter. Das wird ein neugieriger Anrainer sein denke ich, und schenke dem Auto und seinen Insassen keine nennenswerte Beachtung. Am Fluss angekommen entdecke ich rechts und links der Brücke Hinweistafeln in englischer und in slowenischer Sprache. Ich lese die linke Tafel: Sie informiert in darüber, dass der Fluss von 1867 bis 1918 die Grenze zwischen der cisleithanischen und der transleithanischen Reichshälfte der österreich-ungarischen Doppelmonarchie darstellte. Auf der kleinen Tafel an der rechten Seite steht „POZOR! DRŽAVNA MEJA“. Ich nehme an, dass diese Aufschrift auf die Grenze hinweist. Er ist offensichtlich nur für Landsleute gedacht. Heute weiß ich, dass die Aufschrift Achtung! Staatsgrenze bedeutet.
Unmittelbar vor der Brücke versperrt ein blau-weißer Balken, auf dessen Mitte eine Fahrverbotstafel angebracht ist, den Weg. Rechts und links schließt sich der Grenzzaun an, den ich vom Berg aus gesehen hatte. Stabile Metalltüren neben dem Balken stehen offen und erlauben den Durchgang. Ich bücke mich, gehe unter dem Balken durch bis zur Mitte der Brücke und betrachte das Umfeld. Der Fluss ist etwa fünf Meter breit. Unter der Brücke schwurbelt das Wasser der Sotla ruhig dahin, auf der slowenischen Seite des Flussufers liegt angeschwemmter Unrat bestehend aus Schwemmholz und Plastikbehältnissen.
Die Brücke selbst ist mit einer dicken Schicht Erde bedeckt. Ich bemerke in die Erde eingepresste Spuren von Traktoren. Die Brücke scheint von Landwirt*innen genutzt zu werden. Mir fällt ein, der örtliche Bürgermeister hatte erzählt, dass einige Bauern auf der anderen Seite der Grenze Felder besitzen. Die davon betroffenen Landwirte sind berechtigt, die Brücke zu nutzen, um ihre Felder auf kroatischem Staatsgebiet bewirtschaften zu können. Sie besäßen Schlüssel für die Absperrungen. Ich stelle mir vor, wie hier Traktoren über die Brücke fahren, und auch, wie die Brücke am ersten Mai geschmückt ist und mit Menschen in Feierlaune belebt ist. In meine wissenschaftliche Feldforschung vertieft fotografiere ich die Brücke, den Flussverlauf, den Grenzbalken und die Tafeln, notiere kurz meine Gedanken und verlasse die Brücke wieder in Richtung der slowenischen Seite, von der ich gekommen war. Zufrieden mit dem Rechercheergebnis mache ich mich auf den Rückweg nach Bistrica.
Kaum bin ich etwa 200 Meter gegangen, nähert sich von hinten ein slowenisches Polizeiauto. Zwei Polizeibeamt*innen, eine Frau und ein Mann, steigen aus dem Auto aus. Sie scheinen mich sofort als Ausländerin zu identifizieren, denn sie fragen mich in englischer Sprache was ich da mache. Ich erkläre wahrheitsgemäß, ich sei eine Studentin aus Österreich und forsche mit einer Gruppe von Studierenden und Professor*innen seit mehreren Tagen zum Thema der Grenze. Auf die Frage, wo ich wohne, berichte ich, dass ich im Hostel in Bistica untergebracht bin. Beide sehen mich ungläubig an. „Your passport, please!“ fordert die Polizistin schließlich und nimmt meinen Reisepass an sich. Während die Beamt*innen das Dokument überprüfen, schwant mir, dass ihre Irritation der Tatsache geschuldet sein könnte, dass ich ja älter bin, als es typischerweise Studierende sind. Ich überlege, ob meine Erklärung dadurch weniger glaubwürdig erscheint.
Nachdem sie meinen Pass gründlich kontrolliert haben, erläutern die Beamt*innen mir den Grund für meine Anhaltung: Eine Überwachungskamera habe angezeigt, dass ich die Grenze überquert habe. Und, fügen sie noch hinzu, dies sei eine Schengen-Außengrenze. Ein Übertritt sei lediglich an gekennzeichneten Grenzübergansstellen gestattet. Ich erkläre wahrheitsgemäß, dass ich nur bis zur Mitte der Brücke gegangen sei. Ich bin fest davon überzeugt, damit keine Grenzverletzung begangen zu haben. Die Polizist*innen sehen mich mit ernsten Mienen an und ich versichere nochmals, dass ich den Fluss, der ja aus meiner Sicht die Grenze darstellt, nicht zur Gänze überquert habe. Zur Bekräftigung zeige ich den Polizisten auf meinem Handy den Fotoverlauf vom Vormittag und die Fotos, die ich von der Mitte der Brücke aus gemacht habe. Die Polizist*innen scheinen meinen Angaben und Beteuerungen nicht zu glauben. Wieso fahren sie nicht endlich weiter, frage ich mich. Mein Puls beschleunigt sich etwas, noch bin ich mir sicher, dass meine Erklärung und nicht zuletzt mein österreichischer Reisepass mir freies Geleit geben sollten.
Die Polizistin bedeutet mir, ich solle neben dem Auto stehen bleiben und warten. Beide setzen sich in den Streifenwagen und schließen die Fenster. Die Polizistin telefoniert minutenlang. Ich nehme mein Handy in die Hand und setze an, das Polizeiauto zu fotografieren. Als der Polizist dies sieht, öffnet er augenblicklich das Autofenster. „No foto!“ Um keine Schwierigkeiten zu bekommen, packe ich das Handy sofort wieder in die Tasche. Jetzt fühle ich mich aber doch in meinem Tun behindert und mir wird zugleich ein wenig mulmig zumute. Wieso, so frage ich mich, darf ich nicht fotografieren? Und was passiert eigentlich, wenn ich mich der Anordnung widersetze? Ich fühle mich einer Macht ausgesetzt, die in mir Unbehagen aufkommen lässt.
Als das Telefonat beendet ist, steigen die Beamt*innen mit ernsten Gesichtern wieder aus dem Auto aus. Die Beamtin fordert mich auf, einzusteigen. Was jetzt? Mein Puls schnellt in die Höhe. Ich möchte nicht in das Auto eisteigen! Wohin fahren sie mit mir? Ich fühle eine Beklemmung in mir hochsteigen. In Ermangelung von Alternativen leiste ich der Aufforderung Folge und finde mich auf dem Rücksitz eines slowenischen Polizeiautos wieder, ohne zu wissen, was als Nächstes mit mir passieren wird. Ich frage mich, in welchen Film ich geraten bin. Schlagartig fühle ich mich zu einer anderen Person gemacht. Ich fühle mich behandelt, als wäre ich illegal immigriert. Bilder vom Umgang mit Migrant*innen, die wie ich durch einen Grenzübertritt illegalisiert werden, tauchen in meiner Vorstellung auf. Stress, Herzklopfen, Angst, Kopfkino. Als wir losfahren, erklärt die Beamtin endlich, dass sie mit mir nochmals zurück zur Brücke und anschließend zur Unterkunft fahren werden.
An der Brücke angekommen gehen die Polizist*innen die Brücke von einem bis zum anderen Ende ab und kontrollieren, ob auf der Brücke und auf dem angrenzenden kroatischen Gebiet frische Fußabdrücke zu sehen sind. Doch die Erde ist zu hart, hier gibt es keine Abdrücke von meinen Schuhen. Die Beamt*innen scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass ich die Grenze unerlaubt übertreten habe, und sie sind entschlossen, mir das auch nachzuweisen. Bilder vom Umgang mit Migranten, die wie ich durch einen Grenzübertritt illegalisiert werden, tauchen in meiner Vorstellung auf. Die Polizistin dürfte meine Irritation bemerkt haben. Wohl um Ihre nachdrückliche Überprüfung zu begründen, deutet die Polizistin zum angrenzenden Berg hinüber. Hier sei die Kamera angebracht, die meinen Grenzübertritt angezeigt habe.
Anschließend fahren die Beamten mit mir am Rücksitz in die Ortschaft zum Hostel. Während der Fahrt kreisen meine Gedanken um die Frage, warum mir nicht geglaubt wird. Ich gestehe mir ein, dass ich jetzt wohl Hilfe brauchen werde. Ich bin mir nicht mehr so sicher wie zu Beginn der Amtshandlung, keine Grenzverletzung begangen zu haben. Dieser Gedanke verunsichert mich. Zudem fällt mir ein, dass wahrscheinlich niemand im Hostel anwesend sein wird. Die Studierenden und Lehrveranstaltungsleiter*innen sind unterwegs um die Marienwallfahrtskirche auf den Svete Gore, den Heiligen Bergen, zu besichtigen. Zudem wäre es mir peinlich, wenn ich, wie eine kriminelle Person vorgeführt, von zwei Polizisten begleitet zu den Kommiliton*innen und Professor*innen hinzustoßen würde. Ich habe Glück: Zwei Studentinnen von der Univerza Ljubljana sind im Hostel geblieben. Sie sind vom Eintreten der Polizisten sehr überrascht, noch mehr, dass sich die Polizei an sie wendet und befragt. Rasch ist klar, dass die Gesprächspartner*innen dieselbe Sprache sprechen. Nun wird in slowenischer Sprache gesprochen und ich verstehe mit meinen rudimentären slowenischen Sprachkenntnissen nur mehr vereinzelte Begriffe, wie univerza, Celovec, Ljubljana. Ich werde nicht mehr in das Gespräch einbezogen, ich stehe nur rat- und hilflos daneben. Zufällig kommt jetzt auch Nina, die Betreiberin des Hostels, vorbei. Mithilfe der Daten in ihrem Handy beweist sie den Polizist*innen, dass ich in der Tat seit mehreren Tagen gemeinsam mit anderen Studierenden hier einquartiert bin.
Inzwischen löst sich meine Anspannung etwas, weil ich nun das Gefühl habe, dass mir geholfen wird, meine Identität zu bestätigen und mich zu erklären. Doch das unangenehme Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, dass über mich verhandelt wird, ich aber von dem Prozess ausgeschlossen bin, setzt sich noch fort. Alle anwesenden Personen, außer mir sprechen in slowenischer Sprache. Aus Mimik, Tonfall und Körpersprache der Beteiligten versuche ich zu schließen, was besprochen wird, jedoch mit wenig Erfolg. Ich fühle mich den Entscheidungen der Beamten ausgeliefert. Siedend heiß fällt mir auch noch ein, dass die Beamt*innen womöglich vergessen haben, dass ich einen österreichischen Reisepass besitze! Nicht auszudenken, was mir bevorstehen könnte, wäre ich keine Österreicherin, keine EU-Bürgerin! Das Herzklopfen und das Gefühl der Ohnmacht fühlen sich schrecklich an.
Nachdem sie mich lange ignoriert haben, wendet sich die Polizistin dann wieder an mich und fragt, ob mein Handy GPS habe. Ich bejahe und beide Beamt*innen kontrollieren meine Eingaben am Handy. Warum wollen sie das wissen? Denken sie, ich bin querfeldein migriert und musste mich auf freiem Feld orientieren?, rattert es in meinem Kopf weiter. Warum sie meine GPS-Daten kontrollierten bleibt mir unklar. Sie zeigen sich jedenfalls zufrieden. Anschließend notieren sie aus meinem Pass meinen Namen, Reisepassnummer und Geburtsort, dann wollen sie meine Adresse wissen. Da ich bereits ziemlich angespannt bin, schreibe ich meine Adresse mit verkrampfter Hand, noch unleserlicher als sonst, auf. Als die Polizistin meine Schrift nicht entziffern kann, greift eine slowenische Studienkollegin helfend ein und notiert die Adresse daneben nochmal gut leserlich. Die Polizistin telefoniert erneut. Nach minutenlangem Gespräch, das mir inzwischen wie eine Ewigkeit erscheint, geht das Telefonat, dem weicher werdenden Tonfall zufolge, dem Ende zu, Verabschiedungsworte fallen. Körper und Gesicht der Polizistin entspannen sich, ich sehe erst nur ein kurzes Lächeln, dann sogar ein freundliches Gesicht. Endlich! Nach einem kurzen Gespräch mit der Hostelbetreiberin verabschieden sich die Beamten schlussendlich freundlich, zuerst von den slowenisch sprechenden Anwesenden, dann auch von mir. Auch mein Reisepass wird mir wieder ausgehändigt.
Als sie weggefahren sind, meint die Hostelbetreiberin, ich hätte unheimliches Glück gehabt: die Polizisten seien sehr freundlich gewesen. Sie erzählt, dass die Beamt*innen einen ausführlichen Bericht über den Vorfall zu verfassen haben. Es sei schon öfter vorgekommen, dass Anrainer*innen für unerlaubte Grenzübertritte 1000 Euro Strafe zahlen mussten. Sie vermittelt mir den Eindruck, dass sie sich für mich engagiert hat, wofür ich mich auch bedanke, genauso wie bei den beiden jungen slowenischen Studentinnen. Ich bin aber auch empört, wenn ich für wenige Meter der Grenzüberschreitung bis zur Mitte der Brücke eine so hohe Strafe hätte zahlen müssen! Zum Glück hatten die Polizist:innen ihr Ermessen zu meinen Gunsten ausgelegt. Welcher Aspekt zu der Entscheidung geführt hat, bleibt unklar, vielleicht war es die studentische Tätigkeit, die keinen anderen Zweck als die Forschung verfolgt. Die kurz aufgekeimte Empörung über die Strafandrohung löst sich in Luft auf und weicht langsam der Erleichterung, dass nun alles vorbei ist.
Langes Ausatmen, meine starke Anspannung löst sich und eine leichte Müdigkeit stellt sich ein. Nach dieser bangen und beängstigenden Situation bin ich erleichtert, eine EU-Bürgerin zu sein. Die Anspannung, der hohe Puls, die Vorstellung, ich wäre weiterhin in Polizeigewahrsam genommen worden, wirken noch einige Zeit nach. Doch bevor ich noch zu sehr darüber nachsinnen kann, kommen schon die anderen Studierenden von ihrem Ausflug zurück, wir packen die Koffer in die PKW und beenden unseren Studienaufenthalt in Bistrica ob Sotli.
KULTURWISSENSCHAFTLICHE ANALYSE
Dieses Erlebnis empfand ich sehr eindrucksstark, sind darin doch viele Dynamiken und relevante Faktoren für das Erleben und die Wirkung von Grenze ablesbar. Meine eigenen körperlichen und emotionalen Erfahrungen und Wahrnehmungen, sowie meine Gedanken können, kulturanalytisch betrachtet, als soziale Praktiken gelesen werden. Sie bilden die Basis für die hier erkennbar werdenden Assemblagen und sozialen Kräfte.3 Aus einer Haltung der teilnehmenden Beobachtung, in der allem eine Bedeutung zugesprochen wird, habe ich diesen Text formuliert. Mit „alles“ sind in diesem Fall die Landschaft, die Architektur, die Technik, Bewegungen, Stimmen, Tonales, Blicke, Mimik, sowie auch körperliche und emotionale Reaktionen und andere Faktoren gemeint.
BEWUSSTSEIN ÜBER GRENZE – HISTORISCHE UND KÖRPERLICHE WAHRNEHMUNG VON GRENZE
Viele Grenzen orientieren sich an landschaftlichen Gegebenheiten, wie Gewässern, Bergen oder Abbrüchen. Die Sotla war historisch betrachtet schon während des Kaiserreichs der Habsburger, in der Habsburgischen Doppelmonarchie, dem Königreich Jugoslawien und dann den selbständigen Nationalstaaten Kroatien und Slowenien ein Grenzfluss. Auch wenn die Anrainer*innen die Grenze eigentlich gewohnt sind, verändern sich Wahrnehmung und Präsenz der Grenze mit den politischen Bedingungen. Doch, so berichtet der Bürgermeister Debelak, seit der Installation der Schengen-Außengrenze 2004 und insbesondere der Errichtung des Grenzzaunes nach der ersten Migrationswelle 2015 empfinden die Bewohner*innen der Grenzregion die Grenze als unangenehm. Die sich verändernden Gesetzeslagen beeinflussen die Intensität der Kontrollen, die wiederum Auswirkungen auf die Mobilität, Begegnungs- und Handelspraktiken der Bevölkerung, insbesondere für die Anrainer*innen in den Grenzregionen haben.
Die Wahrnehmung von Grenze folgt nicht nur geografischen, sondern auch historischen und individuell konstruierten Konzepten. Das führt dazu, dass die geografische Grenze nicht völlig ident mit der rechtlichen Grenze sein muss, und auch, dass die Grenzkontrollen schon mehrere Meter vor der tatsächlichen politischen Grenze abgewickelt werden können. Die britische Sozialanthropologin Sarah Green konstatiert, dass politische Grenzen alles andere als natürlich sind: „They are made up differently during different periods and in different parts of the world; and having been made up, they have to be constantly maintained and enforced, day in and day out“.4 Mit der Bildung der Nationalstaaten in Europa entstand außerdem eine Verstaatlichung und Bürokratisierung der Grenze, die sich auch in einem umfangreichen Apparat von Grenzmarkierungs- und Grenzsicherungspraktiken niederschlägt und somit auch zu vermehrten Grenzkonflikten führte, formuliert der deutsche Kulturwissenschaftler Falco Schmieder.5
Grenzverläufe sind politisch institutionalisierte Instrumente, um Personenbewegungen zu kontrollieren. Grenzen bringen Einschluss, Abgrenzung und Disziplinierung mit sich. Reisende werden je nach gesetzlichem Auftrag, Interessensperspektiven und Ermessen in die Kategorien „erlaubt“ und „verboten“ eingeteilt. Dabei birgt der Ermessensspielraum mitunter Risiken für Reisende,6 so der kanadische Politikwissenschafter und Anthropologe, Mark Salter. Wie sich dieser Spielraum der Grenzbeamten in Grenzsituationen anfühlt, konnte ich im Forschungsfeld am eigenen Leib verspüren.
Den physischen Erscheinungen vor der Brücke – die erwähnten schweren Metalltüren, der blauweiße Holzbalken, die Hinweistafeln (siehe Abb.) – stelle ich mein persönliches Konzept der Wahrnehmung von Grenze und der Funktion eines Grenzflusses gegenüber: in meiner Vorstellung verläuft die Grenze entlang eines Flusses in dessen Mitte.
Hier ist die Grenze nicht so eindeutig wie es scheint. Während ich die Grenze nicht übertreten darf, gelten für Landwirte die ihre Felder bestellen – wie an den Traktorspuren ersichtlich – andere Regeln. Zudem hat sich in dieser Region im Laufe der Jahrhunderte wegen des mäandernden Flusses auch der Flussverlauf verändert. Dies führt zu Abweichungen des Grenzverlaufs vom Flussverlauf. Aus diesem Grund, so Aussagen des Bürgermeisters zufolge, und auch aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen und Vererbung lieben Argarflächen teilweise hinter der Staatsgrenze. Die Grenze als Filterfunktion von Personenbewegungen ist demnach nicht für alle Personen gleich. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es an der Brücke keine für mich ersichtliche Kontrolle gab. Doch dieser Abschnitt der Grünen Grenze wurde zum Zeitpunkt der Forschung mithilfe technischen Geräts, das mehrere hundert Meter entfernt installiert war, von mir unbemerkt überwacht.
Am nahen internationalen Grenzübergang dagegen führen slowenische und kroatische Grenzbeamt*innen mehrere Meter vom Grenzfluss entfernt auf slowenischem Staatsgebiet in entsprechenden baulichen Vorrichtungen, die Kontrollen durch. Dies, so erklärt ein dort tätiger slowenischer Beamter freundlich, ist der aufwändigen Kontrolle der hier überwiegend passierenden Lastkraftwagen geschuldet. Slowenische und kroatische Beamt*innen, so erklärt er mir, kontrollieren die Personenkraftwagen in ihren Kabinen getrennt voneinander, die LKW jedoch gemeinsam. Die baulichen Vorrichtungen für die kroatische Grenzkontrolle auf der anderen Seite des Flusses bleiben völlig ungenutzt. Die „Gemeinsame Kontrolle“ wird auf slowenischem Staatsgebiet vorgenommen.
NATIONALSTAATEN
Dass die slowenische und kroatische Grenzpolizei kooperiert ist keineswegs selbstverständlich. Tennen doch Staatsgrenzen Nationalstaaten voneinander. Die gesetzlichen Grundlagen sowie Ein- und Ausreisebestimmungen sind demnach auch verschiedene. An den Grenzen treffen nicht nur Grenzmacht, sondern auch politische und soziale Grenze zusammen. Kulturelle, sprachliche oder wirtschaftliche Grenzen hingegen müssen nicht mit nationalstaatlichen Grenzen zusammenfallen, konstatiert die Kulturanthropologin Alexandra Schwell.7
Nationalstaatliche Grenzen können die Kontakte zu Verwandten und Freunden in den Anrainergemeinden empfindlich erschweren. Cross-border Studien belegen, dass die Interessenslagen von Grenzanrainer*innen oft nicht mit jenen der staatlich angeordneten Grenzregimes einhergehen. Denn, so die dänische Grenzforscherin Dorte Jagetic Andersen, „cross-border cooperation articulates independency of EU policies at the level of the individual region or locality, and sometimes in the opposite direction of the EUs intention.8 Auch die Bewohner*innen in der hier beforschten Grenzregion pflegen ungeachtet der politischen Verhältnisse eine Summe gemeinsamer Praktiken und Traditionen, die in gemeinsamen kulturellen Veranstaltungen aufrechtzuerhalten werden. Der Bürgermeister von Bistrica führt hier das Fest auf der Brücke des 1. Mai, Musikveranstaltungen der örtlichen Blasmusikkapelle und der hier ansässigen Musikszene in einem Jugendclub, Wettkämpfe der Feuerwehren, Schulveranstaltungen, gemeinsame Abendessen der Stadtpolitiker, und anderes mehr. An zwei musikalischen Darbietungen, die zur selben Zeit im selben Haus stattfanden, konnte ich im Zuge der Forschungstätigkeit auch beiwohnen. Die Bevölkerung pflegt eben nicht nur gemeinsam Kulturpraktiken, sondern sind auch beide Bewohner*innen von EU-Mitgliedsstaaten.
UNIONSBÜRGERSCHAFT
Welche Staatsangehörigkeit ein Mensch hat ist in der Phase einer Grenzkontrolle nicht unerheblich. Eine Staatsbürgerschaft ist das rechtliche Band zwischen Bürger*innen und Staat, und sie ist mit verschiedenen Sicherheiten und Privilegien verbunden. Die Staatsbürgerschaft der Angehörigen in EU-Mitgliedsstaaten ist auch mit der Unionsbürgerschaft verbunden und bietet damit neben Freizügigkeit innerhalb der Union auch diplomatischen Schutz und Vertretung in Ländern, in denen keine Auslandsvertretung vorhanden ist. Sie begründet besondere Rechte als Schutz- und Abwehrrechte gegen den Staat (Reisefreiheit, Auslieferungsverbot) sowie Einstandsansprüche im Verhältnis zu Dritten (konsularischen Schutz, internationale Prozessführung) sowie Teilhaberechte am Staatsleben.
Im Alltag ist uns kaum bewusst, welches Privileg der Besitz des Reisepasses eines EU-Mitgliedsstaates ist. In der Situation des Übertritts in einen anderen Staat und des Prüfvorganges bekommt dieses Dokument allerdings für mein persönliches Empfinden einen körperlich wahrnehmbaren Wert. Es verbrieft eine Versicherung, eine Garantie, mich trotz des unangenehmen Prüfvorgangs aufgrund der mir zustehenden Freizügigkeit auf EU-Gebiet aufzuhalten zu dürfen. Somit stand ich aus rechtlicher Sicht während der Polizeikontrolle immer auf sicherem Terrain. Meine Gefühle während des Kontrollvorganges haben dennoch eine Fehlbeurteilung der Situation durch die Grenzbeamten erwogen.
GRENZLINIEN UND SPUREN
Von der Anhöhe aus betrachtet konnte ich den Verlauf der Staatsgrenze einsehen. Grenzen zwischen Nationalstaaten verlaufen entlang von Linien. Doch, so konstatiert Green, sind Linien allein unzureichend, um Grenze zu verstehen. Sie sind nur relevant, um ein Gefühl von Grenzhaftigkeit verständlich zu machen. Dem Ort des Grenzüberganges liegt damit eine Einzigartigkeit zugrunde, die durch die Art und Weise, wie die Menschen die Grenze in ihrem Alltag erleben, widerlegt wird. Was der Linie jedenfalls fehlt, ist ein Gefühl für das Vergehen der Zeit, der Geschichte. Spuren können als ein Mittel zum Verständnis von Grenze sein, da sie sowohl Zeit als auch Raum gleichzeitig einschließt.9
Die Traktorspuren auf der Brücke zeugen davon, dass die Grenze überquert wird. An weiteren Spuren an diesem Ort gibt es Zeugnisse einer früheren industriellen Nutzung, Eisenbahnschienen, die seit dem Einstellen des Bahnbetriebes von Pflanzen bewachsen werden. An anderen Zeugnissen für das Vorliegen einer Grenze gibt es an einer Seite der Grenze landwirtschaftlich genutzte, auf der anderen Seite brachliegende Böden, Grenzzäune mit Stacheldraht entlang des Flusses, soweit das Auge reicht. Wenige Wohnhäuser gibt es erst in einiger Entfernung zum Grenzfluss zu sehen.
Green ist der Meinung, dass Spuren auch ein Zeitgefühl evozieren. Sie sind durchlässig und lassen Raum für Zweifel und Spekulationen, sie verändern sich im Laufe der Zeit oder verschwinden ganz. Vor allem aber verbindet die Spur Raum und historische Zeit, damit sind sowohl Raum als auch Zeit als lebendig und kontingent anzusehen.10 Die Traktorspuren auf der Brücke vermittelten mir die Information, dass die Brücke genutzt werden kann. Nach meiner persönlichen Ansicht über Grenzflüsse, liegt für mich die Grenze in der Mitte des Flussverlaufs. So gelange ich auch zur Ansicht, keine Grenzverletzung zu begehen, wenn ich bis zur Mitte der Brücke gehe.
GRENZREGIME
Der Prüfvorgang durch die Beamt*innen hat sich mir als sehr unangenehme Erinnerung eingeprägt. Insbesondere der Umstand, dass meiner ehrlich gemeinten Angabe, keine Grenzverletzung begangen zu haben, kein Glauben geschenkt wurde, verunsicherte mich. Zudem wirkten die Abnahme des Reisepasses und die damit erzwungene „Anhaltung“ in körperlicher und psychischer Hinsicht auf mich ein. Diese polizeiliche Amtshandlung konfrontierte mich mit einem noch nie erlebten Statusverlust. Das erinnert mich an die Ausführungen des Politikwissenschaftlers Mark Salter, der hier den Körper des Individuums im Mittelpunkt der Analyse sieht, auf den Makro- und Mikropolitik der Machtstrukturen um die Durchlässigkeit von Staatsgrenzen einwirken.11
Wer eine Grenze übertreten möchte hat sich, so Salter, einem Grenzregime zu unterwerfen, und er begreift den Grenzübertritt als eine Form des klassisch anthropologischen „Übergangsritus“. In der liminalen Phase des Ablaufs werden Rituale des Gehorsams, des Bekenntnisses und der Diskretion vollzogen. Reisende haben die souveräne Macht des Staates, den sie betreten, anzuerkennen, sie haben auf Verlangen den Reisepass auszuhändigen und Fragen zur Begründung des Grenzübertrittes wahrheitsgemäß zu beantworten.12 Es liegt in der Folge im Ermessen des Souveräns zu beurteilen, die Reisenden zu klassifizieren und zu entscheiden, ob der Grenzübertritt erlaubt wird oder nicht.
In dieser liminalen Phase des Übergangsrituals, verlieren Reisende umfangreiche Rechte, die sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu ihrem Nationalstaat haben. Salter beschreibt dies folgendermaßen: „The application of sovereign power at the border is absolute; travelers possess only basic human rights guaranteed by international conventions and dramatically circumscribed nationally derived rights.“13
Seit Beginn der intensiven Migrationsbewegungen wurde die Schengen-„Außen“-Grenze zur Bastion, die mittels Zäunen und intensiven Kontrollen wie eine Sicherheitshochburg gegen das von Europa unerwünschte Eindringen von Migrationsströmen aufgerüstet wurde. Diese symbolische Aufladung der Grenze als Schutz der als „rein“ vorgestellten Gemeinschaft vor „mobiler Verschmutzung“ verdeutlicht, dass Grenzen mit weit mehr als nur mit Fragen der staatlichen Territorialität verbunden sind,14 so die Kulturanthropologin Schwell. Schon Foucault formuliert seine Theorie, wie Institutionen funktionieren: durch Disziplinierung werden gehorsame und sich selbst kontrollierende Subjekte geschaffen (Foucault 1977:193). Die körperlichen und psychischen Erscheinungen, die im Zuge dieser Machtsituation auftreten, scheinen, so Foucault, außerdem immer alle Eventualitäten dessen, was geschehen kann, zu erwägen, somit mit allem zu rechnen.
Mein erhöhter Puls hat demnach nicht phantasiert, sondern auf eine machtausübende Situation adäquat reagiert. Die ethnographische Betrachtung veranschaulicht, so Schwell, “how we can observe the ‘doing’ of emotions in practice. They help to illuminate the anthropology of emotions. Mind and body cannot be separated.“15 Ich habe den Prozess, dass mein Status in der Hand staatlicher Exekutive ist, im Zuge dieser Forschung selbst zu spüren bekommen. Szenen in Zusammenhang mit Migration laufen in dieser Situation der Amtshandlung und des Nicht-Verstehens der Sprache in meinem Kopf ab und vermittelten meinem Körper das Gefühl, der Staatsmacht ausgeliefert und mangels Sprachkenntnisse auch zur Sprachlosigkeit verurteilt zu sein. Schwell formuliert dazu „Grenzen stiften Bedeutung, sie haben Handlungsmacht. Grenzen produzieren Unterschiede und schaffen soziale Räume, Hindernisse, Klassifikationen und Gelegenheiten. Die Grenzfunktion und die Grenzinfrastruktur sind machtvolle Faktoren.“16 Wer hat nicht im Zuge einer Grenzkontrolle schon mal ein mulmiges Gefühl gehabt, wenn man sich nicht restlos sicher war, nichts zum Verzollen mitzuführen?
SCHLUSSFOLGERUNG
Mittels der ethnografischen Vignette habe ich hier eine Verdichtung der relevanten Aussagen über das Forschungsfeld vorgenommen. Die kulturwissenschaftliche Analyse meines gesamten empirischen Materials, der beobachtbaren sozialen Praktiken und der körperlichen Vorgänge, die im Zuge einer Polizeikontrolle an der Grenze stattfinden, erlaubt es, die darin wirksam werdenden Kräfte und Mechanismen nachvollziehbar darzustellen. Daraus lerne ich, dass neben den Sinneswahrnehmungen auch körperliche Sensationen Aussagen über komplexe Situationen treffen können. Schwell hält dazu fest: „Yet, emotions are not the opposite of ratio, but they are embodied social practices the acquire and reproduce meaning and effects within a specific context.“ Emotionen sind wissenschaftlich relevante Praktiken.17
NACHTRAG
Mit 1.1.2023 wurde Kroatien in den Schengen-Raum aufgenommen. Der Rat der Innen- und Justizminister*innen der EU hat am 22. Dezember 2022 einstimmig entschieden, dass Slowenien die Schengen-Standards erfüllt. Bürger*innen, die Schengen-Staaten angehören, dürfen die Binnengrenzen an jeder Stelle ohne Personenkontrolle überschreiten. Die Rechtsgrundlagen an der slowenisch-kroatischen Grenze, und damit auch an diesem Grenzabschnitt, haben sich durch diesen Akt mit Jahreswechsel schlagartig verändert. Beinahe wäre dies im Dezember 2022 an einem Veto Österreichs gescheitert. Somit verschiebt sich die Schengen-Außengrenze an die Grenzen Kroatiens zu Serbien und Bosnien, Herzegowina und Montenegro. An allen internationalen Grenzübergängen Sloweniens zu Kroatien entfallen nun die Personenkontrollen, die Grenzzäune entlang der 670 km langen Grenze zwischen Slowenien und Kroatien könnten nun entfernt werden. Der Bürgermeister der Gemeinde Bistrica ob Sotli wäre bereits während unserer Forschung bereit gewesen, auf Kosten der Gemeinde sofort nach Jahreswechsel die Zäune im Gemeindegebiet zu entfernen. Das wird nicht gestattet, denn die Grenzzäune fallen in die Zuständigkeit des Bundes. Wie ich an einem Facebook-Eintrag über das Fest zum 1. Mai 2023 an der Brücke erkennen kann, sind die Grenzzäume zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht abgebaut.18 Mit Jahreswechsel wurde in Kroatien der Euro eingeführt. Vielleicht hilft zumindest dies dabei, die neunzehn Jahre lange dauernde Schengen-Außen-Grenzbastion rasch aus den Mindsets von Slowen*innen und Kroat*innen zu bannen.
Ein Grenzübertritt an der Brücke der Freundschaft in Bistrica ob Sotli ist nun nicht mehr nur vermeintlich, sondern tatsächlich ein gemütlicher Spaziergang.
ENDNOTEN
1 https://www.facebook.com/photo/?fbid=4841767169267435&set=pcb.5070733959642814 (24.7.2023)
2 https://zapad.tv/most-prijateljstva-okupio-kumrovcane-i-slovence-iz-bistrice-ob-sotli/ (18.10.2023)
3 Vgl. Schwell, 2015, S.101
4 Green, 2009, S.2
5 Vgl. Schmieder, 2021, S.32
6 Vgl. Salter, 2005, S.46
7 Vgl. Schwell, 2015, S.268
8 Anderson, 2012, S.10
9 Vgl. Green 2009, S.17
10 Vgl. ebd. S.32
11 Vgl. Salter, 2005, S.40
12 Vgl. ebd., S.42
13 Salter 2005, S 44
14 Vgl. Schwell 2018, S.274
15 Vgl. Schwell 2015, S.107
16 Schwell 2018, S.279
17 Schwell 2015, S.96
18 https://www.facebook.com/photo?fbid=5932029293574545&set=pcb.6178008985581967 (24.7.2023)
LITERATURVERZEICHNIS
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Foucault, Michel (1994): “Über die Regierung der Lebenden”, In: P. Rabinow (Hg.) Ethik: Subjectivity and Truth. Essential Works of Foucault 1954-1984. New York: New Press. S.81-85.
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Schwell, Alexandra (2018): (Un-)Sicherheit und Grenzen, S.267-282 in: Schwell, Alexandra, Eisch-Angus, Katharina (2018) (Hg.): Der Alltag der (Un-)Sicherheit: ethnografisch-kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die Sicherheitsgesellschaft. Tagung „Der Alltag der (Un-)Sicherheit“ 2015. Berlin: Panama Verlag
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